Was ist Ahkam?

Hessam Kordian

Unter dem Begriff Ahkam versteht man eine Reihe praktischer Weisungen, Regelungen und Vorschriften, die aus den islamischen Rechtsquellen abgeleitet werden. Es sind islamisch-rechtliche Bestimmungen, die sämtliche Belange, Probleme und Situationen im alltäglichen Leben einbeziehen, wie z. B. die Regelungen bezüglich der Ritualgebete, der rituellen Reinheit, den Fastenvorschriften et cetera. Hinzu kommen weitere Anweisungen, die sich auf soziale, ökonomische und politische Bereiche beziehen. Die Gesamtheit all dieser Vorschriften macht das islamische Recht (Scharia) aus. Das Wissen über diese Gesetze gehört seit jeher zu den wesentlichen Inhalten der Islamwissenschaft.

Welche Rolle haben die Rechtsgelehrten?

In der Geschichte der theologischen Religionshochschulen (Hausa al-Ilmiya) erstrahlen die Namen der großen Rechtsgelehrten (Fuqaha) gleich leuchtender Sterne. Sie nahmen zur Wahrung der islamischen Weisungen und zum Schutze des heiligen Religionsgesetzes viele Mühen und Härten in Kauf, um das von Gott Erlaubte und Untersagte korrekt und ohne irgendwelche Abänderungen zu lehren und zu verbreiten. Man darf dabei nicht vergessen, dass allein für das Erkennen einer einzigen islamisch-rechtlichen Bestimmung sehr viel Zeit aufgebracht werden muss.[1]

Trotz aller Schwierigkeiten bemühten sie sich emsig, religionsgesetzliche Regelungen aus den entsprechenden Quellen auszuarbeiten, in der besten Weise zu ordnen und den Muslimen an die Hand zu geben, zu deren Information und Orientierung. Imam Khomeini (r.a.) sagte in diesem Zusammenhang: „In all den Jahrhunderten, in denen die islamische Geistlichkeit Halt und Stütze der Unterdrückten und Notleidenden war, schöpften diese aus dem klaren Wissensquell der großen Rechtsgelehrten.”[2]

Was sind religiöse Regelwerke?

Ein religiöses Regelwerk (Risala al-Amaliya) ist ein Nachschlagewerk zu religionsgesetzlichen Belangen, das von dem zuständigen Rechtsgelehrten (Faqih)„ in jahrelanger unermüdlicher und oftmals von großen Schwierigkeiten begleiteten Arbeit für die Allgemeinheit erstellt wird. Ähnlich wie eine Apotheke, die für einen jeden in der Gesellschaft das von ihm benötigte Medikament bereithält, handelt es sich dabei um eine Sammlung von Rechtsurteilen (Fatawa), die ein Vorbild der Nachahmung (Mardscha al-Taqlid) für den Nachahmer (Muqallid) in Detailfragen der Zweige der Religion (Furu al-Din) veröffentlicht.[3]

Wie werden die Handlungen eingeteilt?

Im Islam gibt es für alles, was der Mensch zu tun oder zu lassen hat, bestimmte Weisungen bzw. Ahkam-Regeln. Daher ist es für einen Muslim unerlässlich, sich mit den erlaubten und verbotenen Handlungen ausführlich zu beschäftigen. Die qualifizierten Rechtsgelehrten erleichtern den Gläubigen diese wichtige Aufgabe, indem sie die Handlungen in die folgenden fünf Kategorien einteilen:

  1. Verpflichtendes – Wadschibat (Wadschib / Fardh)
    Man spricht von einer verpflichtenden Handlung, wenn deren Ausführung belohnt und deren Nichterfüllung als Sünde gewertet wird.
    Beispiele: Ritualgebet; Fasten im Monat Ramadan; Khums-Abgabe
  2. Empfohlenes – Mustahabbat (Mustahabb / Sunnat)
    Man spricht von einer empfohlenen Handlung, wenn deren Ausführung belohnt wird, aber deren Nichterfüllung keine negative Folge hat.
    Beispiele: Spenden; Ghusl-Waschung am Freitag; Betreten der Moschee mit dem rechten Fuß
  3. Zulässiges – Mubahat (Mubah / Dscha’iz / Halal)
    Man spricht von einer zulässigen oder erlaubten Handlung, wenn für deren Ausführung keine Belohnung vorgesehen ist und deren Nichterfüllung keine Sünde nach sich zieht.
    Beispiel: Tee statt Wasser trinken
  4. Unerwünschtes – Makruhat (Makruh)
    Man spricht von einer unerwünschten oder verpönten Handlung, wenn deren Ausführung keine Strafe nach sich zieht, aber deren Nichterfüllung belohnt wird.
    Beispiele: Essen bis zum Völlegefühl; Auf dem Bauch schlafen; Alleine reisen
  5. Verbotenes – Muharramat (Haram)
    Man spricht von einer verbotenen Handlung, wenn deren Ausführung als Sünde gewertet wird und eine Strafe nach sich zieht, und deren Nichterfüllung verpflichtend ist.
    Beispiele: Lügen; Heuchelei; Alkoholkonsum

Was ist Wadschib al-Aini und Wadschib al-Kifai?

Die verpflichtenden Handlungen (Wadschibat) werden weiter unterteilt in Wadschib al-Aini und Wadschib al-Kifai. Zu Wadschib al-Aini zählt man individuelle Pflichten, die jeder Muslim ausführen muss, wie z. B. die täglichen Ritualgebete. Zu Wadschib al-Kifai zählen einige wenige Pflichten, die eine dringende Notwendigkeit darstellen für die muslimische Gemeinschaft. Das sind ebenfalls individuelle Pflichten, jedoch sind diese Verpflichtungen nur solange gültig, bis eine ausreichende Anzahl von Menschen diesen Pflichten nachkommt.

Hierzu ein Beispiel: In einem islamischen Staat gibt es einen Ärtzemangel. Daraufhin erklärt der Statthalter der Rechtsgelehrten (Wali al-Faqih) das Medizinstudium für Wadschib al-Kifai, da das Land 5000 muslimische Ärtze benötigt. Wadschib al-Kifai bedeutet hier konkret, solange sich nicht genügend Muslime melden und die Zahl von 5000 nicht erreicht wird, bleibt die individuelle Pflicht für jeden einzelnen Muslim bestehen. Erst wenn genügend Muslime dieser Pflicht nachgekommen, sind alle anderen Muslime von dieser Verpflichtung befreit.

Was ist Ahkam al-Taklifi und Ahkam al-Wadh’i?

Die göttlichen Gebote werden in Ahkam al-Taklifi und Ahkam al-Wadh’i eingeteilt. Ersteres bezieht sich auf Vorschriften, die die Pflichten betreffen. Zu Ahkam al-Taklifi zählen die bereits aufgeführten fünf Einteilungen: Wadschibat, Mustahabbat, Mubahat, Makruhat, Muharramat. Ahkam al-Wadh’i hingegen bezieht sich auf Vorschriften, die den Status einer Sache oder einer Handlung betreffen. Dazu zwei Beispiele zum besseren Verständnis:

Lästern während des Fastens
1. Lästern ist verboten / haram = Ahkam al-Taklifi
2. Fasten ist gültig = Ahkam al-Wadh’i

Verbotener Blick während des Ritualgebets
1. Blick ist verboten / haram = Ahkam al-Taklifi
2. Gebet bleibt gültig = Ahkam al-Wadh’i

Was versteht man unter der freiwilligen Nachahmung eines Rechtsgelehrten?

Im Islam wird das Befolgen oder die Nachahmung der praktischen Weisungen und Rechtsurteile (Fatawa) eines „qualifizierten Rechtsgelehrten (Mardscha al-Taqlid) als Taqlid bezeichnet. Die Nachahmung ist kein bedingungsloses Akzeptieren und impliziert nicht, dass der Nachahmer ungebildet oder unwissend ist. Vielmehr geht es darum, sich die Meinung eines religiösen Experten zu einem bestimmten Thema einzuholen. Das Befolgen der Meinungen eines Sachverständigen basiert auf der Vernunft. Imam Dschafar as-Sadiq (a.s.) sagte: „Diejenigen unter euch, die über die Religion wachen, sich erziehen und den Lehren Gottes gegenüber gehorsam bleiben, denen sollten die anderen Menschen nachahmen.“[4] Die Nachahmung wird nicht nur von den Rechtsgelehrten vorgegeben, sondern sie ist ein verstandesgemäßes Faktum.

Nachdem der Mensch den Islam und seine Gesetzgebung akzeptiert hat, verpflichtet er sich zur Einhaltung der islamischen Ge- und Verbote. Um Zugriff auf die praktischen Anordnungen zu haben, obliegt es dem praktizierenden Muslim, sich die hierfür notwendigen Informationen zu beschaffen. Dafür gibt es drei Wege:

  1. Selbstständige Rechtsfindung – Idschtihad
    Er studiert an einer Religionshochschule die islamischen Wissenschaften, um ein Rechtsgelehrter zu werden und fortan selbstständige Rechtsfindung zu betreiben. Diese Vorgehensweise können nur einige wenige Menschen praktizieren. Es versteht sich von selbst, das nicht jeder in der Lage ist, präzise Kenntnisse über die Religion zu erlangen.
  2. Vorsichtsentscheidung – Ihtiyat
    Er praktiziert die Vorsichtsentscheidung. Das heißt, er studiert alle Rechtsurteile aller anerkannten Rechtsgelehrten, um sich so zu verhalten, wie es von ihnen als richtig gewertet wird. Diese Vorgehensweise ist sehr umständlich, da es praktisch bedeutet, dass man immer alle möglichen Meinungen berücksichtigen und seine Taten mehrmals wiederholen muss, damit man sicher ist, nichts Falsches zu machen.
  3. Nachahmung – Taqlid
    Er schließt sich einem geeigneten Vorbild der Nachahmung seiner Wahl an, das über die notwendigen Kenntnisse und Kompetenzen verfügt. Das ist die einfachste Vorgehensweise.

Ein ähnliches Beispiel kann eventuell die drei Alternativen vereinfacht zum Ausdruck bringen: Ein kranker Mensch hat drei Möglichkeiten, um wieder gesund zu werden: Entweder er absolviert ein Medizinstudium, um sich selbst zu heilen, oder aber er besucht verschiedene Fachärzte und vergleicht ihre Diagnosen miteinander oder er lässt sich von einem einzigen allgemein anerkannten Facharzt helfen.

Es ist offensichtlich, dass der letzte Weg, also die Nachahmung des Urteils eines Experten, die einfachste und unkompliziertes Vorgehensweise darstellt. Das Erkennen und Verstehen der praktischen Weisungen (Ahkam) sowie das Erlernen aller religiösen Regelungen und Verfahrensweisen ist kein leichtes Unterfangen. Für die Analyse und Ableitung der islamischen Vorschriften ist eine genaue, detaillierte und professionelle Vorgehensweise notwendig. Um das Niveau eines religiös-qualifizierten Sachverständigen zu erreichen, der fähig ist, die islamischen Regelungen aus den Rechtsquellen abzuleiten, bedarf es eines jahrzehntelangen Studiums.

Die Entscheidung, einem Experten in verschiedenen Bereichen des Lebens zu folgen, ist eine weithin akzeptierte Vorgehensweise, die der Natur des Menschen entspricht. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen sind wir in unserem Leben auf das Fachwissen anderer angewiesen. Unser Verstand sagt uns, dass wir uns bei Problemen an kompetente Menschen mit Fachwissen wenden müssen. Der Islam ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme und baut auf dem gleichen Prinzip auf. Wir sind auf die religiösen Edikte (Fatawa) der Rechtsgelehrten, die durch jahrelanges Studium die Stufe der selbstständigen Rechtsfindung (Idschtihad) erlangt haben, angewiesen.

Nur sie sind in der Lage dazu, aus den religiösen Quellen entsprechende Rechtsurteile abzuleiten. Die Rechtsgelehrten wurden vom Propheten mit dieser Autorität ausgestattet, um die Menschen auf allen religiösen Ebenen recht zu leiten. Deshalb sollen sich Muslime, die nicht fähig sind die islamischen Lehren und Anordnungen durch Beweisführung und logisches Denken abzuleiten, an diejenigen wenden, die in diesem Metier bewandert sind und mittels logischer Begründungen und wissenschaftlich-exakter Studien und Nachweise die Verordnungen der Religion und entsprechende Erkenntnisse ausarbeiten.[5]

[1] Hudschat-ul-Islam Fallahzadeh: Ahkam für Jungen (Amozeshe Ahkam).

[2] Sahifeh-ye Nur. Bd. 21, S. 89.

[3] Hessam Kordian – www.taslim.de

[4] Scheich Hurr al-Amili: Wasail al-Shia. Bd. 27, S. 131.

[5] Allameh Tabatabai: ABC des Islam