Die Weisheiten Luqmans – Qur‘anische Weisheiten

Seyed Mohsen Alebatool

Luqman gehört zu den liebenswürdigsten Persönlichkeiten des Heiligen Qur‘an und wird von Gott, Dem Erhabenen, besonders gelobt. Im Heiligen Qur‘an wird Luqmans außergewöhnliche Eigenschaft erwähnt: „Und wahrlich, Wir verliehen Luqman Weisheit.“ (Luqman:12) Die Empfindsamkeit, der Verstand und die göttliche Erkenntnis Luqmans können als umfassender als die von gewöhnlichen Menschen betrachtet werden. Sein Herz war erleuchtet, sein Verstand war eifrig und sein Blick war verständnisvoll. Er kannte so manche Wahrheiten des Universums, lehrte tiefgründiges Wissen auch anderen und strebte danach, aus jedem Geschehnis und jeder Sache eine Lehre zu ziehen und danach zu handeln.

In seinem Gulistan berichtete Saadi: „Man fragte Luqman: ‚Von wem hast du deinen Anstand gelernt?‘ Er antwortete: ‚Von den Anstandslosen. Ich hielt mich von all ihren Handlungen fern, die mir unangebracht erschienen.‘“ [1] Zahlreiche Ratschläge Luqmans sind überliefert worden. Auch der Heilige Qur‘an erwähnt seine Weisheiten und Aussprüche, die für das Selbstbewusstsein, die Verfeinerung der Seele und das vorbildliche Verhalten nützlich und notwendig sind. Luqman war eine Person, die sich selbst erzog und sich zu den Tugendhaften und Weisen gesellte und von ihnen lernte. Er ging auch oft zum Propheten David (a.s.) und zog Nutzen aus seinen Erkenntnissen. Vom gesegneten Propheten Muhammad (s.a.s.) wurde überliefert: „Luqman war kein Prophet, aber ein Weiser und Denker, der gewiss Gutes hatte, Gott liebte und den auch Gott zu lieben anfing, Der ihm die Weisheit lehrte.“ [2] Auch wenn die Belehrungen und Anweisungen Luqmans ursprünglich an seinen Sohn adressiert gewesen waren, so sind sie in Wahrheit an alle Menschen gerichtet. Einige dieser Ratschläge werden im Folgenden vorgestellt.

1. Die Einheit Gottes

„Und da sagte Luqman zu seinem Sohn, indem er ihn ermahnte: ‚Oh mein Sohn, setze Allah keine Götter zur Seite, denn Götzendienst ist wahrlich ein gewaltiges Unrecht.‘“ (Luqman:13) Die Größe einer jeden Handlung kann an der Größe ihrer Folgen gemessen werden, und die Größe einer jeden Sünde misst sich an der Größe desjenigen, der ungehorsam wird. Von daher liegen die größten Sünden und Übertretungen in der Ignoranz gegenüber Gott, und die größte Ablehnung gegenüber Gott ist die Vielgötterei. Luqman greift in seinem ersten Ratschlag an seinen Sohn die grundlegende Angelegenheit der Überzeugung, also die Einheit Gottes [Tauhid], auf. Die Grundlage einer jeden korrekten und konstruktiven Handlung ist die Einheit Gottes.

Die Rede Luqmans an seinen Sohn lautete sinngemäß: Mein Sohn! Geselle Gott keinen Partner hinzu. Er sprach anschließend den Vers über den uneingeschränkten Polytheismus aus, nämlich dass er weder bezüglich des Wesens noch bezüglich der Eigenschaften Gottes sowie im Gottesdienst und in den sonstigen Handlungen Vielgötterei durchzuführen hat. Der Polytheismus ist dementsprechend der höchste Grad religiöser Rechtswidrigkeit, der in seiner Auflehnung gegenüber dem erhabenen Schöpfer am schwerwiegendsten ist. Aus diesem Grunde haben die Gesandten als erstes zur Gotteseinheit und zum Monotheismus eingeladen. [3]

2. Die Notwendigkeit der Rechenschaft

„Oh mein Sohn, hätte es auch nur das Gewicht eines Senfkorns und wäre es in einem Felsen oder in den Himmeln oder in der Erde, Allah würde es gewiss hervorbringen. Wahrlich, Allah ist gnädig, kundig.“ (Luqman:16) Der zweite Ratschlag Luqmans bezieht sich auf die Rechenschaft der Handlungen und auf die Auferstehung, die den Menschen vervollkommnet. Der Senf ist eine Pflanze mit vielen winzigen schwarzen Körnern und steht sinngemäß für etwas verschwindend Kleines oder Geringfügiges. Dies ist eine Anspielung darauf, dass Gott, Der Edle und Kundige, Der über alle kleinen und großen Dinge im gesamten Universum Wissen hat, selbst eine Sünde der Größe eines Senfkorns strafen wird, wenn Er wollte. Die Einsicht darüber, dass Gott über alle Handlungen des Menschen kundig ist, zählt zur Grundlage aller individuellen und gesellschaftlichen Reformen. [4]

In Usul Al-Kafi wird überliefert, dass Abi Basir sagte, dass er von Imam Baqir (a.s.) gehört habe, dass dieser sagte: „Enthaltet euch den kleinen Sünden, denn sie haben wiederum Befragungen zur Folge.“ Viele Menschen meinen, dass das Sündigen durch die Bitte um Vergebung aufgehoben werde. Doch Gott, Der Allmächtige, spricht im Heiligen Qur‘an: „Wahrlich, Wir sind es, Die die Toten beleben, und Wir schreiben das auf, was sie begehen, zugleich mit dem, was sie zurücklassen; und alle Dinge haben Wir in einem deutlichen Buch verzeichnet.“ (Yasin:12)

Imam Ali (a.s.) sagte in einer Predigt: „Er ist der Initiator der Schöpfung und ihr Erbe, der Gott der Schöpfung und ihr Erhalter. Sonne und Mond streben unermüdlich nach Seiner Zufriedenheit, sie beide lassen jedes Neue alt und jedes Ferne nahe erscheinen. Er teilte ihre Versorgungsanteile zu und zählte das, was sie hinterließen, ihre Taten, die Anzahl ihrer Atemzüge, die Verräterei ihrer Augen und was ihre Herzen und ihr Innerstes verbergen. (Er kennt) ihren Aufenthaltsort und ihren einstweiligen Verbleib in den Schößen und Lenden, bis sie an ihrem Ziel anlangen.“ [5]

3. Die Verrichtung des Gebets

„Oh mein Sohn, verrichte das Gebet und gebiete Gutes und verbiete Böses und ertrage geduldig, was dich auch treffen mag. Das ist wahrlich eine Stärke in allen Dingen.“ (Luqman:17) Sinngemäß bedeutet dieser Vers: Mein Sohn! Verrichte das Gebet, denn das Gebet ist deine wichtigste Verbindung zum Schöpfer. Es erweckt dein Herz, gibt deinem Geiste Klarheit, erhellt dir dein Leben, reinigt die Auswirkungen der Sünde von deiner Seele, strahlt das Licht der Überzeugung in das Haus deines Herzens und hält dich von Unzucht und schlechten Taten fern. Luqman hat seinen Sohn zu einer Handlung aufgefordert, die zur erhöhten Stellung des Menschen führt. Über die Tugendhaftigkeit des Gebets sagte Imam Dschaafar As-Sadiq (a.s.) in einer seiner letzten Anweisungen: „Derjenige wird unsere Fürsprache nicht erlangen, der die Verrichtung des Gebets auf die leichte Schulter nimmt.“ [6]

Das Gebet drückt die Liebe zu Gott aus und markiert den Beginn der Ewigkeit des Menschen. Es ist der Samen, der im Garten der Überzeugungen gedeiht. Das Gebet ist die Läuterung des Inneren und die Verzierung des Äußeren. Es ist eine Tugend, deren Schönheit beständig ist. Es ist die Erwähnung der Wahrheit, die göttliche Erkenntnis zur Folge hat.

4. Das Gebieten des Guten und das Verwehren des Schlechten

Nach der Erwähnung des Gebets führt Luqman das wichtigste gesellschaftliche Gebot an, nämlich die Anordnung zum Gebieten des Guten und Verwehren des Schlechten, und sagte sinngemäß: Lade die Menschen zum Guten und zur Wohltat ein und verwehre das Schlechte und Hässliche. Jedoch ist es sicher, dass jede gesellschaftliche Arbeit, besonders das Gebieten des Guten und das Verwehren des Schlechten, viele Probleme mit sich bringt.

Egoistische und machtgierige Sünder geben nicht so einfach auf, so dass sie sogar die Befolger jener Anordnung schmähen und verleumden. Ohne Geduld und Standhaftigkeit fällt es einem außerordentlich schwierig, das Gute zu gebieten und das Schlechte zu verwehren. Zur Bewältigung sind eine eiserne Entschlossenheit und ein zielstrebiger Wille von Nöten. Der offensichtliche Beweis der geduldigsten und entschlossensten Ausführung jenes Gebotes ist Imam Hussayn (a.s.), der für die Wiederbelebung der prophetischen Tradition und für die Rückbesinnung auf islamische Werte sein Leben hergab.

5. Geduld in kummervollen Zeiten

Luqman erkannte die große und ausdrucksstarke Macht der Geduld. In demTafsir Al-Mizan heißt es über die Geduld: „Die Geduld wird nicht nur in den Versen erwähnt, in denen sie als ‚Stärke in allen Dingen‘ bezeichnet wird, sondern auch in Stellen, in denen sie als eine wichtige Eigenschaft charakterisiert wird. Aus linguistischer Sicht bedeutet Sabr so viel wie Gefangenhalten.“ Geduld im Sinne von Selbstbeherrschung und Kontrolle der Triebe betreffen Angelegenheiten, die das Religionsgesetz und der Verstand ablehnen. Geduld ist nicht gleich Geduld, sondern hat viele unterschiedliche Bedeutungen, die situationsabhängig sind: Selbstbeherrschung im Unglück wird Geduld genannt. Geduld im Krieg wird oft als Tapferkeit, in anderen Situationen als Ausdauer bezeichnet.

Von Imam Dschaafar As-Sadiq (a.s.) wurde überliefert: „[…]Seid beim Verrichten der göttlichen Pflichten geduldig und seid gleichsam auch bei Unglücken geduldig […].“[7] So kräftezehrend Geduld und Standhaftigkeit auch sein mögen, sie verheißen positive Wirkungen auf das Diesseits und auf das Jenseits. Zainab (a.s.) steht in der islamischen Geschichtsschreibung symbolisch für die Geduld und die Charakterstärke, die in dem herzzerreißenden Ereignis von Karbala zum Ausdruck kamen. Auch Überlieferungen von der reinen Imame (a.s.) geben Einsichten in geduldige und weise durchdachte Handlungsweisen.

6. Die Vermeidung von Hochmut und Egoismus

„Und weise den Menschen nicht verächtlich deine Wange und schreite nicht ausgelassen (in Übermut) auf Erden; denn Allah liebt keine eingebildeten Prahler“ (Luqman:18). Luqman widmet sich der Thematik des Verhaltens gegenüber anderen Menschen. Er empfiehlt ein Verhalten geprägt von Demut, Bescheidenheit und Freundlichkeit: Begegne den Menschen nicht mit Verachtung. Der Begriff Sar wird eigentlich für den Ausdruck einer Krankheit verwendet, von der Kamele befallen werden, die daraufhin einen schiefen Hals bekommen können. Der Begriff Marah bedeutet die Trunkenheit des Segens. Mukhtal ist die Bezeichnung für jemanden, der sich selbst mit Prahlereien und Einbildung in den Vordergrund stellt. Fakhur ist die Bezeichnung für jemanden, der seinen Stolz offen kundtut. [8] Luqman erwähnt äußerst grässliche Eigenschaften, die die Ursachen zerrissener Gesellschaftsbeziehungen sind: 1. Hochmut und Verachtung 2. Stolz und Egoismus.

Imam Ali (a.s.) sagte: „[…] und so hegte er Stolz gegenüber Adam aufgrund seiner Schöpfung und gebärdete sich ihm gegenüber fanatisch infolge seines Ursprungs. Daher ist der Feind Allahs dieser Anführer der fanatischen Eiferer und der Vorläufer der Arroganten, der das Fundament des Fanatismus errichtete, und er suchte Allah das Gewand des Stolzes zu entreißen, legte das Kleid der Anmaßung an und entledigte sich des Schleiers der Demut. Seht ihr nicht, wie Allah ihn wegen seines Hochmuts demütigte und ihn wegen seines Dünkels erniedrigte?“ [9] Das Verhalten verdeutlicht den Charakter und die Erziehung eines Menschen. Wenn ein Mensch keine Tugenden aufweist, braucht man von ihm kein normales Verhalten zu erwarten.

7. Gemäßigtes Vorgehen und gemäßigte Sprache

„Und schreite gemessenen Schrittes und dämpfe deine Stimme; denn wahrlich, die widerwärtigste der Stimmen ist die Stimme des Esels.“ (Luqman:19) Schließlich lädt Luqman seinen Sohn zum Einhalten der Mäßigung ein, die bei der Verrichtung aller Dinge das Ideal ist. Das Gehen soll weder schnell und eilig sein, noch kraftlos und langsam. Der Mensch soll in der Gesellschaft weder zu hitzig sein, noch soll er sich isolieren, in der Ecke verkriechen oder sich zurückziehen. Er soll beim Schenken und bei gütigen Handlungen weder verschwenderisch noch geizig sein. Er soll nicht schreien oder sehr laut sprechen, aber auch nicht zu leise, so dass der Zuhörer ihn nicht versteht und nicht vernehmen kann. [10]

Anmerkungen: [1] Saadi: Gulistan, 2. Kap., 20. Erzählung.  [2] Schabestari, Mohammad Mojtahed: Alam Al Qur’an, S. 847. [3] Tayyib, Abdulhussain: Tafsir At-Tayyib Al Bayyan, Bd. 10, S 421.  [4] Tafsir Nemuneh, Bd. 17, S. 51. [5] Scharif Radhi Muhammad Ibn Husain: Nahdsch-ul-Balagha, Pfad der Eloquenz, Bremen: 2009.  [6] Bihar-ul-Anwar, Bd. 47, S. 2. [7] Quraischi, Sayyid Ali Akbar: Qamuse Qur’an, Bd. 4, S. 106. [8] Vgl. Al-Mizan, Erklärung zum 18. Vers der Sure Luqman.  [9] Vgl. Nahdsch-ul-Balagha, a.a.O., Predigt 192.  [10] Tayyib, Abdulhussain: Tafsir At-Tayyib Al Bayyan, Bd. 10, S. 426.