Die Eigenschaften der Gottesehrfürchtigen

Es wird überliefert, dass ein Gefährte des Befehlshabers der Gläubigen namens Hammam[1], der als gottergebener Mann bekannt war, eines Tages beschloss, zusammen mit seinen Freunden Imam Ali (a.s.) zu besuchen. Auf dem Weg dahin sahen sie, wie der Imam ihnen entgegenkam. Als sie ihn sahen, begrüßten sie ihn und sagten, dass sie gerne mit ihm sprechen würden. Der Imam akzeptierte und lud sie zum Gespräch in die Moschee ein. Vor der Moschee entdeckten sie eine Menschengruppe. Als diese Menschen den Imam sahen, standen sie auf und begrüßten ihn. Der Imam erwiderte ihre Höflichkeit und fragte sie, wer sie seien und was sie hier tun. Sie antworteten: „Wir sind deine Anhänger.“ Der Imam sah sie an und sagte daraufhin: „Ich sehe in euch nicht die Zeichen meiner Schia und keine Liebe zur Ahl-ul-Bayt.“ [2] Hammam trat nach vorn und fragte: „Oh Befehlshaber der Gläubigen, könntest du uns die Zeichen nennen, die du in ihnen nicht siehst?“ Der Imam nahm die Hand von Hammam, um mit ihm und den anderen in die Moschee zu gehen. Danach betete der Imam ein empfohlenes Gebet aus zwei Gebetsabschnitten (rakah). Dann sagte er zu Hammam: „Hammam, fürchte Allah und vollbringe Gutes, denn „Allah ist mit denen, die gottesehrfürchtig sind und mit denen, die Gutes tun.“[3] Doch Hammam begnügte sich nicht mit dieser Aussage und drängte ihn weiterzusprechen. Imam Ali (a.s.) pries und verherrlichte Allah, sprach Segenswünsche über den Propheten Muhammad (s.a.) aus und sagte dann:

Wahrlich, Allah Der Erhabene und Großartige brachte die Schöpfung hervor, während Er doch ihres Gehorsams nicht bedarf und vor (dem Schaden) ihres Ungehorsams sicher ist, da der Ungehorsam des Ihm Ungehorsamen Ihm nicht schadet, und Ihm der Gehorsam des Ihm Gehorsamen keinen Nutzen bringt. Er hat unter ihnen die Mittel zum Lebensunterhalt aufgeteilt und sie auf der Welt an ihren Platz gesetzt. Und die Gottesfürchtigen auf ihr sind die Leute mit Vorzügen: Ihre Sprache ist treffend, ihre Kleidung ist gemäßigt (weder übertrieben noch untertrieben), und ihr Gang ist bescheiden. Sie schlagen ihre Augen nieder vor den Dingen, die Allah ihnen verboten hat.

فَالْمُتَّقُونَ فِیها هُمْ أهْلُ الْفَضائِلِ مَنْطِقُهُمُ الصَّوابُ وَ مَلْبَسُهُمُ الاِقْتِصادُ وَ مَشْیُهُمُ التَّواضُعُ غَضُّوا أبْصارَهُمْ عَمَّا حَرَّمَ اللَّهُ عَلَیْهِم

Sie leihen nur nützlichem Wissen ihr Ohr, und sie bleiben ruhig in der Heimsuchung so wie im Wohlergehen. Wenn es keine Frist gäbe, die Allah ihnen zugeschrieben hat, dann würden ihre Seelen nicht aus Sehnsucht nach dem Lohn (Allahs) und aus Furcht vor der Strafe in ihren Körpern verharren, sei es auch für (die Dauer eines) Augenblinzelns. Der Schöpfer nimmt in ihren Seelen einen großen Raum ein, und alles außer Ihm ist in ihren Augen klein.

عَظُمَ الْخالِقُ فِی أنْفُسِهِمْ فَصَغُرَ ما دُونَهُ فِی أعْیُنِهِم

Das Paradies ist für sie so wie für jemanden, der es bereits gesehen hat, und sie genießen seinen Segen, während das Feuer für sie wie für jemanden ist, der es bereits gesehen hat, so als würden sie darin bestraft werden (falls sie Sünden begehen). Ihre Herzen sind bekümmert, sie sind vor ihren (eigenen) Schlechtigkeiten sicher. Ihre Körper sind dünn und ihr Ego ist enthaltsam. Sie sind für kurze Tage (im Diesseits) standhaft, denen eine lange Zeit des Wohlergehens folgt. Das ist ein gewinnbringender Handel, den Allah ihnen erleichtert hat. Das Diesseits verlangt nach ihnen, während sie nicht nach ihm verlangt haben. Es nahm sie gefangen, jedoch lösten sie sich selber daraus aus. Was die Nächte betrifft, so stellen sie ihre Füße auf, verlesen Teile aus dem Qur´an und rezitieren ihn langsam und besinnlich. Sie machen sich selber traurig damit (um ihrer Sünden willen) und rufen dadurch die Therapie für ihre Krankheiten herbei. Wenn ihnen ein Vers begegnet, der in ihnen Sehnsucht weckt (nach dem Paradies), dann verlassen sie sich begehrlich darauf, und ihre Seelen strecken sich vor Sehnsucht danach aus, sodass es ihnen vorkommt, als ob es vor ihren Augen läge. Wenn ihnen ein Vers begegnet, der ihnen Furcht einflößt (vor der Hölle), wenden sie ihm das Gehör ihrer Herzen zu und es kommt ihnen vor, als ob das Brüllen und Ächzen der Hölle an den Grund ihres Gehörs reicht. Sie beugen sich in ihrer Mitte, breiten ihre Stirn, ihre Hände, ihre Knie und ihre Fußoberseiten auf die Erde aus, dabei erbitten sie von Allah Dem Erhabenen die Befreiung von ihrer Sklaverei. Während des Tages sind sie langmütig, wissend, tugendhaft und gottesfürchtig, die Furcht hat sie schlank gemacht wie Pfeile. Wer ihrer ansichtig wird, hält sie für krank, obwohl sie keine Kranken sind, und sagt über sie, dass sie in Verwirrung geraten sind. Und eine große Sache hat sie in Verwirrung gestürzt! Sie geben sich nicht mit wenigen ihrer (guten) Werke zufrieden, und sie halten das Viele (ihrer guten Taten) nicht für viel. Sie beschuldigen sich immer selbst und haben immer Furcht, dass (ihre Taten) unzulänglich sind. Wenn einer von ihnen gelobt wird, dann sagt er: „Ich weiß besser über mich Bescheid als andere und mein Herr weiß besser über mich Bescheid als ich! Oh Allah, handle mit mir nicht nach dem, was sie sagen, mache mich besser als was sie denken, und vergib mir das, was sie nicht wissen. Es gehört zu den Merkmalen von einem von ihnen, dass du an ihm Stärke in der Religion siehst, Festigkeit in der Weichheit, Überzeugung in der sicheren Gewissheit, Eifer im (sich Aneignen von) Wissen, Langmut im Wissen, Mäßigung im Reichtum, Ehrfurcht im Gottesdienst, Wohltätigkeit in der Bedürftigkeit, Standhaftigkeit in Härten, das Streben nach Erlaubtem, Aktivität in (dem Streben nach) Rechtleitung und das sich Fernhalten von Gier.

أنَّکَ تَرَى لَهُ قُوَّةً فِی دِین وَ حَزْماً فِی لِین وَ إِیمَاناً فِی یَقِینٍ وَ حِرْصاً فِی عِلْمٍ وَ عِلْماً فِی حِلْمٍ وَ قَصْداً فِی غِنًى وَ خُشُوعاً فِی عِبادَةٍ وَ تَجَمُّلاً فِی فاقَةٍ وَ صَبْراً فِی شِدَّةٍ

Er vollbringt rechtschaffene Taten, während er (dennoch) in Angst ist. Am Abend gilt sein Interesse dem Dank (an Allah) und am Morgen dem Gedenken (an Ihn). Er verbringt die Nacht in Wachsamkeit und erlebt den Morgen mit Freude. (Er ist) In Sorge, dass er nicht wachsam genug gegenüber der Nachlässigkeit war, und in Freude über das, was ihm an Huld und Barmherzigkeit zuteil wurde. Wenn seinem Ego etwas schwerfällt, was er nicht mag, dann gibt er seiner Forderung nach dem, was es liebt, nicht statt. Sein Augentrost liegt in dem, was nicht vergeht, während er sich dessen enthält, was nicht für immer bleibt. Langmut geht bei ihm mit Wissen einher, und das Sprechen mit der Tat. Du siehst an ihm, dass seine Hoffnungen nicht weitschweifig sind, seine Fehltritte wenig, sein Herz ehrfurchtsvoll, sein Ego genügsam, sein Essen wenig. Der Umgang mit ihm ist leicht, seine Religion ist geschützt, seine Begierde tot, und sein Zorn ist unterdrückt.

تَراهُ قَرِیبا أمَلُهُ قَلِیلاً زَلَلُهُ خاشِعا قَلْبُهُ قانِعَةً نَفْسُهُ مَنْزُورا أکْلُهُ سَهْلاً أمْرُهُ حَرِیزا دِینُهُ مَیِّتَةً شَهْوَتُهُ مَکْظُوما غَیْظُهُ الْخَیْرُ مِنْهُ مَأمُولٌ وَ الشَّرُّ مِنْهُ مَأمُونٌ

Von ihm ist (nur) Gutes zu erwarten, und Böses ist von ihm nicht zu befürchten. Wenn er unter den Nachlässigen ist, wird er (dennoch) zu den (Allahs) Gedenkenden gezählt, und wenn er unter den (Allahs) Gedenkenden ist, dann wird er nicht unter die Nachlässigen gerechnet. Er vergibt dem, der ihm Unrecht getan hat, und gibt dem, der ihn beraubt hat. Er stellt eine Verbindung zu dem wider her, der die Freundschaft zu ihm abgebrochen hatte. Er ist weit davon entfernt, eine hässliche Sprache zu benutzen, seine Sprache ist weich, seine negativen Seiten sind verborgen, seine positiven Eigenschaften sind gegenwärtig, sein Gutes ist im Kommen, und sein Schlechtes hat (ihm) den Rücken gekehrt. In Zeiten der Härte bewahrt er seine Würde, im Unerwünschten (das ihm geschieht) bleibt er standhaft, und im Wohlergehen ist er dankbar. Er ist nicht ungerecht gegenüber dem, den er hasst, und er begeht keine Sünde um dessentwillen, den er liebt. Er gibt die Wahrheit zu, bevor gegen ihn gezeugt wird, er lässt nichts verderben, das zu bewahren ihm aufgetragen wurde, und er vergisst nichts, woran er erinnert wurde. Er gibt (anderen) keine Spottnamen, er fügt dem Nachbarn keinen Schaden zu, und er freut sich nicht über die Missgeschicke (anderer), er lässt sich nicht auf Falsches ein und verlässt die Wahrheit nicht. Wenn er schweigt, dann bekümmert ihn sein Schweigen nicht, wenn er lacht, dann wird seine Stimme nicht laut. Wenn er gehasst wird, dann bleibt er geduldig, bis es Allah ist, der für ihn Rache nimmt. Seine Seele ist unruhig um seiner selbst willen, während die Menschen durch ihn in Ruhe leben. Er müht sich selber ab um seines Jenseits willen, aber spendet den Menschen Ruhe von seiner Seite aus. Sein Fernbleiben von denen, die sich von ihm entfernt haben, ist Enthaltsamkeit und Reinigung, und seine Nähe zu denen, die ihm nahe sind, ist Weichheit und Barmherzigkeit. Sein Fernhalten erfolgt nicht aus Überheblichkeit und Großmannssucht, noch besteht seine Nähe aus List und Betrug.

Es wurde überliefert, dass Hammam daraufhin bewusstlos wurde, wie vom Blitz getroffen, woraufhin er seine Seele aushauchte. Da sagte der Befehlshaber der Gläubigen (a.s.): Wahrhaftig, bei Allah, das war das, was ich für ihn befürchtete (als ich anfänglich zögerte zu antworten), dann sagte er: Ist es das, was eindringliche Ermahnungen für ihre Adressaten bewirken? Jemand fragte: „Und was ist mit dir, Befehlshaber der Gläubigen (a.s.), dass es bei dir nicht diese Wirkung hat)? Und er (a.s.) antwortete: Wehe dir, jede Frist hat einen Zeitpunkt, der nicht überschritten werden kann, und eine Ursache, die nicht außer Kraft tritt. So sei vorsichtig, sag so etwas nicht noch einmal, was der Satan auf deine Zunge gespien hat!

Quellen: Allama Madschlisi: Bihar-ul-Anwar. Bd. 65, S. 192; Nahdschul-Balagha: 193. Predigt; Yaqub al-Kulayni: Usul al-Kafi. Bd. 1, S. 226.  [1] Hammam ibn Ibada ibn Khasim, ein gottesehrfürchtiger Gefährte von Imam Ali (a.s.)  [2] Allama Madschlisi: Bihar-ul-Anwar. Bd. 65, S. 192.  [3] An-Nahl | 16:128.