Prophet Muhammad (s.a.) – Das Vorbild der Gelehrten

Es ist mir eine große Ehre, dass ich heute hier zu Ihnen sprechen darf, obwohl ich keinen Turban trage, obwohl ich kein Imam, kein Ayatollah, kein Scheich, kein Mufti und auch kein Muslim bin – es sei denn, ich bin es in dem Sinne, wie unser Nationaldichter Goethe im „West-östlichen Divan“ gedichtet hat: „Wenn Islam Gott ergeben heißt, / Im Islam leben und sterben wir alle.“ In diesem erweiterten, in diesem existentiellen oder metaphorischen Sinne bin ich auch ein Muslim oder, wie der Qur’an sagt, ein Hanif, ein aufrichtiger Gottsucher – und als solcher spreche ich zu Ihnen.

Das Konzept des Kongresses macht deutlich, dass das Islamische Zentrum einen weiten Horizont hat, der verschiedene islamische Rechtsschulen umfasst, die heute hier vertreten sind, wie auch Glaubende außerhalb „des Islams“ im engeren Sinne der von Muhammad gestifteten Religion. Mein Vortrag hat drei Teile: 1. Jesus und Muhammad als Brüder 2. Was können Imame von Muhammad lernen? 3. Eine Anmerkung zur Integrationsdebatte

1. Jesus und Muhammad als Brüder

Sie alle sind bestimmt hervorragende Experten, was das Leben Muhammads angeht. Da möchte ich Sie nicht langweilen mit meinen bescheidenen Kenntnissen aus der Sira des ehrwürdigen Propheten. Ich möchte jedoch auf drei Punkte hinweisen, die mir besonders wichtig sind. Erstens: Ich gehöre nicht zu dem Kreis derjenigen Gelehrten, die behaupten, Muhammad habe nie existiert. Sie wissen, dass es zur Zeit in Deutschland gleich mehrere Personen gibt – es sind auch Universitätsprofessoren unter ihnen – die solche oder ähnliche Thesen aufstellen. Ich darf Sie beruhigen: Derlei Stimmen gibt es auch mit Blick auf Isa ibn Maryam. Auch da wurde immer wieder mal behauptet, er habe nie existiert. Er sei eine Fiktion der christlichen Urgemeinde, so wie jetzt gesagt wird, Muhammad sei eine Fiktion der Umma gewesen.

Ich versichere Ihnen: Solche herausragenden Persönlichkeiten wie Jesus und Muhammad können von Menschen gar nicht erfunden werden. Denn bloße menschliche Fiktionen haben wohl kaum eine jahrtausendelange Wirkung von solcher Nachhaltigkeit, wie es 2000 Jahre Christentum und 1400 Jahre Islam zeigen. Diese Wirkungen müssen nachhaltige Ursachen gehabt haben – eben das konkrete Leben Jesu, das konkrete Leben Muhammads. Da ist uns natürlich nicht alles überliefert worden, vieles bleibt endgültig im Dunkel der Geschichte verborgen. Doch die wesentlichen Eckdaten im Leben Jesu und im Leben Muhammads, wie sie von einer seriösen Wissenschaft erarbeitet werden, sind mit Sicherheit glaubwürdig.

Also, ich gehe als Religionswissenschaftler und Theologe fest davon aus: Muhammad ist keine Fiktion. Er hat existiert! Das ist mein erster Punkt. Doch viel wichtiger als die Frage nach der tatsächlichen Existenz des Propheten ist eine andere Frage, und das ist mein zweiter Punkt: Wann erwacht die Botschaft Gottes, dass Muhammad offenbart wurde, zum Leben? Sie erwacht nicht dadurch zum Leben, dass wir Muhammads Existenz zweifelsfrei beweisen. Sie erwacht nicht dadurch zum Leben, dass Muslime den Qur’an rezitieren oder über ihn predigen. Nein, die Botschaft Gottes erwacht dadurch zum Leben, dass Muslime den Qur’an praktizieren.

Der Islam genießt in der Welt so viel Ansehen wie die Menschen, die sich zum Islam bekennen, tun, was sie als Gottes Wort hören und predigen. Und umgekehrt: Der Islam erfährt in der Welt so viel Verachtung wie die Menschen, die sich zum Islam bekennen, nicht tun oder das Gegenteil von dem tun, was sie als Gottes Wort hören und anderen Menschen als „Islam“ verkünden. Diese Feststellung beinhaltet Selbstkritik. Denn man kann diese Worte auch auf das Christentum anwenden. Auch das Christentum steht und fällt nicht damit, dass wir die Existenz des Jesus von Nazareth beweisen. Vielmehr genießt das Christentum in der Welt so viel Ansehen wie die Kirchen, die sich auf Christus berufen, tun, was sie im Indschil hören und predigen. Und umgekehrt: Das Christentum erfährt in der Welt so viel Verachtung wie die Menschen, die sich zu Christus bekennen, nicht tun oder das Gegenteil von dem tun, was sie in der Bibel hören und anderen Menschen als „Frohe Botschaft“ verkünden.

Damit komme ich zum dritten Punkt in meinem ersten Teil. Ich bin der Überzeugung: Gott liebt die Vielfalt, nicht die Einfalt. Ich glaube, dass es viele Wege, viele Scharias, zu Gott gibt. In meinen Augen sind Jesus und Muhammad wie Brüder. [1] Der Prophet hat selber einmal in einem Hadith gesagt, alle Propheten seien untereinander wie Brüder – sie haben denselben Vater, aber unterschiedliche Mütter! Und an anderer Stelle sagte er, dass von diesen Prophetenbrüdern ihm keiner näher stehe als Jesus. Diese Aussagen sollten eigentlich eine ewige Freundschaft von Christen und Muslimen begründen – eine Freundschaft auf gleicher Augenhöhe. Leider ist das oftmals in der Geschichte nicht der Fall gewesen. Ich gehöre zu denjenigen christlichen Theologen, die eine theologische Anerkennung Muhammads als Gottes Prophet fordern.

Gott liebt nicht nur die Vielfalt, sondern auch die Komplementarität. Die Thora, das Evangelium und der Qur’an sind die drei Testamente oder Zeugnisse des Einen Wortes Gottes, das der Qur’an, wie Sie wissen, Umm-ul-Kitab nennt. Sie ergänzen sich gegenseitig. Ebenso verstehe ich das Wirken Jesu und Muhammads als komplementär – wie in der Physik das Licht sowohl Welle als auch Teilchen ist. Jesus und Muhammad sind keine Doppelgänger, doch sie sind Brüder mit Ähnlichkeiten und Unterschieden. Jesu kurze, dreijährige Wirksamkeit wird ergänzt durch die lange, 22jährige Wirksamkeit Muhammads. Der Wanderprediger und Wunderheiler aus Nazareth wird ergänzt durch den Streitschlichter, Politiker und Feldherrn aus Mekka. Jesus, der leidende, ermordete Gerechte, wird ergänzt durch Muhammad, den verfolgten und am Ende siegreichen Gerechten. Gott erscheint in menschlicher Wahrnehmung manchmal als ohnmächtig, wie das Kreuz von Golgatha zeigt. Manchmal zeigt Er sich als machtvoll, wie die Tempelreinigung in Jerusalem durch Jesus und die Reinigung der Kaaba von allen Götzen durch Muhammad zeigen.

Beide, Jesus und Muhammad, sind bis heute Vorbilder des Glaubens an Gott. Sie sind in diesem Sinne Imame der Menschheit. [2] Sie waren jedoch nicht nur Empfänger des Wortes Gottes, nicht nur Vermittler der Botschaft des Ewigen an uns zeitliche Wesen, sondern sie haben beide auch getan, was sie den Menschen gepredigt haben. In diesem Sinne sind sie beide herausragende Imame der Menschheit. Was können wir von ihnen lernen? Damit komme ich zu meinem zweiten Teil. Der Untertitel des Kongresses lautet: „Die Verantwortung der Gelehrten“. Im Folgenden spreche ich nicht allgemein von der Menschheit, auch nicht von den Muslimen, sondern speziell von den Imamen, und zwar von den Imamen hier in Deutschland.

2. Was können Imame von Muhammad lernen?

Man könnte die Frage auch provokativer stellen: Was ist ein guter Imam? Wenn ich gerade gesagt habe, das Evangelium und der Qur’an ergänzen sich gegenseitig, so finde ich das vor allem in den gemeinsamen ethischen Grundüberzeugungen bestätigt. Jesus und Muhammad haben ja nicht völlig verschiedene Werte und Normen verkündigt, sondern im Prinzip uralte Maßstäbe des Handelns, ohne die weder Christen und Muslime je untereinander, noch Christen und Muslime miteinander, leben können. Ein solcher gemeinsamer Wert ist etwa die Solidarität mit den Schwachen. Sie alle kennen das berühmte Gleichnis Jesu vom barmherzigen Samariter. Man kann die Intention dieses Gleichnisses in einem einzigen Satz zusammenfassen: „Keine Nächstenliebe ist größer, als dem Schwachen eine helfende Hand zu reichen.“ Dieser Ausspruch stammt von Musa al-Kadhim, dem 7. Imam der Zwölfer-Shia. Es gibt keine besseren Imame als die, die solidarisch sind mit den Schwachen! Es gibt keine besseren Imame als die, die Werkzeuge der Barmherzigkeit sind.

Christen und Muslime haben noch mehr Werte gemeinsam. Wir finden sie in den sog. „Zehn Geboten“ Gottes an den Propheten Musa. Dazu gehört z.B. das Verbot zu töten. Auch im Qur’an ist es zu finden, z.B. in der Sura al-Maida (5:32): „Wenn einer jemanden tötet (…), so ist es, als hätte er die Menschen alle getötet. Und wenn jemand ihn am Leben erhält, so ist es, als hätte er die Menschen alle am Leben erhalten.“ Das Leben hat im Qur’an einen hohen Stellenwert. Der Respekt vor allem Leben ist darum tief in der islamischen Ethik verwurzelt. Gute Imame sollten daher Sprachrohre des Lebens sein, sie sollten Werkzeuge des Lebens sein und überall Einhalt gebieten, wo sie dem Tod begegnen – dem Tod in Gestalt von Hass, Fanatismus, Gewalt und Krieg.

Ebenso haben Christen und Muslime gemeinsam das Verbot zu stehlen oder zu betrügen. Im Qur’an wird dieses Verbot mit dem Wert der Gerechtigkeit begründet. So heißt es in der Sura al-Qasas (28:5): „legt Zeugnis für die Gerechtigkeit ab. Und der Haß gegen bestimmte Leute soll euch nicht dazu verleiten, nicht gerecht zu sein. Seid gerecht, das entspricht eher der Gottesfurcht.“ In der Sahifa, der sog. Gemeindeverfassung von Medina, ist Gerechtigkeit der am häufigsten genannte moralische Wert. Gute Imame sollten daher Sprachrohre der Gerechtigkeit, sie sollten Werkzeuge der Solidarität sein und überall Einhalt gebieten, wo sie der Ungerechtigkeit begegnen – der Ungerechtigkeit in Form von Gier, Habsucht, Lug und Betrug.

„Wehe denen, die das Maß verkürzen, die, wenn sie sich von den Menschen zumessen lassen, volles Maß verlangen, wenn sie ihnen aber zumessen oder abwägen, weniger geben.” So heißt es zu Beginn der Sura al-Mutaffifīn (83:1-3). Imam Ghazali – ich meine den Perser Abu-Hamid ibn Muhammad al-Ghazali, den bekannten Theologen, Philosoph und Mystiker des Mittelalters – sagt dazu in seiner Schrift Kimya-i Sa’adat („Die Chemie – oder: Das Elixier – der Glückseligkeit“): „Jeder, der mehr für sich verlangt, als er selbst gewährt, wird durch diesen (Qur’an-) Vers getroffen.“ [4] Der Beginn der Surat al-Mutaffifin ist nicht nur ein Beispiel für Fairness, sondern zugleich auch für die sog. Goldene Regel, die es weltweit in allen Religionen und Kulturen gibt. Im Deutschen haben wir dafür das Sprichwort: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ Die Goldene Regel ist unser moralisches Weltkulturerbe – das Minimum dessen, wie wir uns als Menschen im globalen Dorf verhalten sollten.

Der Präsident unserer Stiftung Weltethos, Professor Hans Küng, hat gesagt: „Es gibt ein gemeinsames Ethos für alle Menschen, gleichgültig zu welcher Kultur oder Religion sie gehören – ein Weltethos! Es ist das moralische Fundament der Menschheit.“ 1993 wurde eine „Declaration toward a Global Ethic“ – eine Weltethos-Erklärung, vom Weltparlament der Religionen verabschiedet, die das bestätigt. Dies hat im Jahre 2000 auch der damalige iranische Präsident Sayyid Muhammad Khatami bei seinem Besuch in der Goethe-Stadt Weimar bestätigt. Ich zitiere aus seiner Rede: „In einer Welt ohne Grenzen können Menschen und Völker nicht mit völlig unterschiedlichen moralischen Werten leben. Wir müssen zu einer Reihe von Normen kommen, innerhalb derer alle Menschen mit Verständnis füreinander und in Gemeinschaft leben.“ Im selben Sinne sagt auch Scheich Ahmad Hassoun, dass es zwar viele Kulturen gebe, aber nur eine Zivilisation! Sie sei auf Moral und Vernunft gegründet. Der Eckpfeiler dieser einen Zivilisation, die Essenz dieses globalen Ethos aber ist die Goldene Regel. Sie ist unser moralisches Weltkulturerbe, das ich gerade erst in einem Buch beschrieben habe. [5]

Viele anerkannte Hadith-Sammlungen bestätigen, dass auch Muhammad diese Regel liebte. Der syrische Gelehrte Yahya al-Nawawi hat in seinem Kitab al-Arbain („Buch der vierzig Hadithe”, 1270) als dreizehnten Hadith diese Regel aufgeführt: „Keiner von euch ist gläubig”, sagt der Prophet, „ solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht.“ [6] Die Goldene Regel, die auch bei al-Bukhari und bei Muslim aufgeführt wird, ist auch in der Schia bekannt. Zum Beispiel in der sog. „Methode der Beredsamkeit“ (arab. Nahdsch-ul-Balagha). Das ist eine um das Jahr 1000 entstandene Sammlung mit Predigten, Briefen und Aussprüchen von Imam Ali.

Im 31. Brief Alis, gerichtet an einen seiner beiden Söhne Hassan und Hussein, heißt es: „Mein lieber Sohn, was dein Verhalten gegenüber anderen Menschen betrifft, so lasse dein ‚Selbst’ der Maßstab dafür sein, um es als gut oder schlecht zu bewerten. Behandle andere so, wie du möchtest, dass sie dich behandeln. Was immer du für dich selbst wünschst, wünsche für andere, und was immer du nicht möchtest, dass es dir widerfahre, mit derlei Widerfahrnissen verschone andere. Unterdrücke und tyrannisiere niemanden, denn du möchtest sicherlich auch nicht unterdrückt und tyrannisiert werden. Sei freundlich und mitfühlend zu anderen, so wie du dich gewiß danach sehnst, dass andere dir freundlich und mitfühlend begegnen. Wenn du anstößige und abscheuliche Gewohnheiten bei Anderen beobachtest, so gib Acht, dass du nicht diese Charakterzüge in dir selbst entwickelst.“ [7]

Gute Imame sollten daher Werkzeuge der Goldenen Regel sein. Sie sollten sich einsetzen für gegenseitige Rücksichtnahme, für Toleranz und Mitgefühl – sowohl zwischen den verschiedenen muslimischen Schulen und Traditionen untereinander, als auch im Verhältnis zwischen Moscheegemeinde und Kirchengemeinde in der Nachbarschaft. Ein guter Imam duldet nicht, dass anderen Menschen – unabhängig davon, ob sie Muslime sind oder nicht – Gewalt angetan wird, denn der Imam möchte selber ja auch nicht geschlagen oder gefoltert werden. Ein guter Imam duldet nicht, dass andere Menschen betrogen oder bestohlen werden, denn der Imam möchte selber ja auch nicht betrogen oder bestohlen werden.

Ein Imam ist nach dem Vorbild des barmherzigen Gottes ein barmherziger Mensch, der sein Herz nicht gegenüber den Anliegen und Nöten der Menschen verschließt. Denn der Imam möchte ja auch nicht, dass andere Menschen erbarmungslos gegen ihn selber sind. Ein guter Imam ist vor allem ein Werkzeug der Versöhnung. Er praktiziert Vergebung – denn er hofft, dass auch Gott ihm vergibt. So heißt es in der Surat an-Nur (Sure 24,22): „Sie (sc. die Menschen) sollen verzeihen und (sc. den anderen die Schuld) nachlassen. Liebt ihr es selbst nicht, dass Gott euch vergibt? Gott ist voller Vergebung und barmherzig.“

Was will ich mit diesen Beispielen über universelle Werte sagen? Ich habe es oben bereits formuliert und will es hier nochmals wiederholen und auf die „Verantwortung der Gelehrten“ beziehen: Der Islam genießt in der Welt so viel Ansehen, wie die Imame auch tun, was sie als Gottes Botschaft hören. Gute Imame predigen nicht nur ihren Gemeinden moralische Werte, sondern sie praktizieren diese Werte auch selbst. Gute Imame gehen ihren Gemeinden mit eigenem Beispiel voran. Darin ist Muhammad das Vorbild aller Imame, dass er nicht nur den Qur’an hörte und empfing, sondern dass er ihn auch praktiziert hat. Die Imame sollten ein Spiegel Muhammads sein. Kann der Prophet sich und die Botschaft des Qur’ans wiedererkennen, wenn er sieht, was die Imame tun? Ich komme zu meinem dritten und letzten Punkt:

3. Eine Anmerkung zur Integrationsdebatte

Was Imame abgesehen von diesen moralischen Werten von Muhammad lernen können, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Gute Imame reden so zu ihren Mitmenschen, dass diese sie auch verstehen können. In der Sura Yusuf heißt es gleich zu Beginn (Sure 12,2; vgl. auch 41,3; 42,7; 43,3): „Wir haben das Buch als einen arabischen Qur’an hinabgesandt, auf dass ihr verständig werdet.“ Muhammad hat zu den Menschen seiner Zeit in ihrer eigenen Sprache gesprochen, damit sie ihn auch verstehen konnten. Das bedeutet für alle Imame, die heute in Deutschland tätig sind und sich an Muhammad als Vorbild orientieren: Diese Imame müssen Deutsch lernen und auf Deutsch predigen, so wie Muhammad den Arabern auf Arabisch gepredigt hat.

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass dies nicht einfach nur eine Forderung der sog. „deutschen nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft“ darstellt, sondern dass diese Forderung neuerdings immer mehr Imame in Deutschland selber erheben. Es ist also eine Forderung, die nicht nur von außen an die Muslime herangetragen wird, sondern inzwischen mitten aus der muslimischen Gemeinschaft kommt. Es kann und darf nicht länger sein, dass insbesondere Imame aus der Türkei – und das ist ja die große Mehrzahl hierzulande – mit sehr schlechten Deutschkenntnissen hier in Deutschland jahrelang tätig sind. Das hat katastrophale Folgen, wie Rauf Ceylan in seinem aktuellen Buch „Die Prediger des Islam“ gezeigt hat.

Die aus dem Ausland nach Deutschland „importierten“ Imame haben nämlich, wie Ceylan sagt, „erhebliche Kommunikationsprobleme“ mit den hier geborenen und aufgewachsenen muslimischen Kindern und Jugendlichen. [8] Diese Imame können sich nicht verständlich machen. Und sie verstehen ihrerseits die hier geborenen und sozialisierten muslimischen Kinder und Jugendliche nicht. Genau das aber ist von guten Imamen zu fordern! Alle Imame, die sich – ob als Sunniten oder als Anhänger der Shia – an dem Vorbild Muhammads orientieren, sollten ebenfalls in klarer, verständlicher Sprache sprechen. Sie müssen kommunikationsfähig sein. Sie müssen gute Deutschkenntnisse mitbringen oder sie sich sofort nach ihrer Ankunft in Deutschland aneignen. Wir sollten dringend dahin kommen, dass z.B. die Khutba in Deutschland möglichst flächendeckend auf Deutsch gehalten wird. Dies fordert mit Recht Imam Idriz von der Penzberger Moschee in Bayern, der vor kurzem ein Buch veröffentlicht hat mit dem Titel: „Grüß Gott, Herr Imam!“ [9]

Immer wieder höre ich von betroffenen Vätern, dass ihre in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Söhne die Moscheen verlassen, weil sie die auf Türkisch oder Arabisch Freitagspredigt nicht oder nur unzureichend verstehen. Wenn die Freitagspredigt in Deutschland auf Deutsch gehalten wird, tun Muslime nicht nur der Mehrheitsgesellschaft einen Gefallen im Sinne von mehr Transparenz hinsichtlich dessen, was gepredigt wird, sondern Muslime tun sich selbst und ihren Gemeinden einen Gefallen, indem sie die Jugendarbeit verbessern und verhindern, dass die jungen Leute den Bezug zu ihren religiösen Wurzeln verlieren.

Die Integration der Muslime in Deutschland steht und fällt also mit der Integration der Imame in Deutschland. Das machen die vielen Interviews mit Imamen, die Rauf Ceylan in seinem Buch präsentiert, deutlich. Entweder sind Imame Schlüsselfiguren und Vorbilder der Integration – oder sie sind die Vorbilder der Isolation und der „Ghettoisierung“ der Muslime. Wenn schon der Imam nicht deutsch lernt, wie kann er dann den jungen Menschen ein Vorbild sein? Wir müssen Imame in Deutschland weiterbilden und ausbilden. Seit kurzem gibt es Imamfortbildungen in großen deutschen Städten (z.B. in Frankfurt/M). Schon seit längerem bietet das Abrahamische Forum, das ich vor zehn Jahren (2001) mitbegründet habe, auch gemeinsame Fortbildungen an für Imame, Pfarrer und Rabbiner. Noch wichtiger aber ist es, dass jetzt an den ersten Universitäten begonnen wird mit dem Aufbau eigener islamisch-theologischer Studiengänge, so dass wir damit den Anfang einer islamischen Imam-Ausbildung auf deutschem Boden haben.

Wir brauchen nicht nur Imame aus dem Ausland, die gut Deutsch sprechen, sondern immer dringender in Deutschland geborene und ausgebildetete Imame! Dafür werden derzeit die Weichen gestellt. Der Prophet Muhammad würde sich darüber freuen. Gott hat ihn gesandt, damit er den Arabern auf Arabisch seine Botschaft verkünde. Ich schließe mich der Forderung Ceylans und Idriz’ an: Gute Imame, die sich als Nachahmer Muhammads verstehen und hier in Deutschland dauerhaft leben, müssen den jungen Leuten Gottes Botschaft auf Deutsch verkünden. Nur so kommt der Islam in Deutschland wirklich an. Nur so entsteht gar nicht erst ein Widerspruch zwischen einer muslimischen und einer deutschen Identität.

Dr. Martin Bauschke

[1] Muslime glauben, dass Gott in der Gestalt des Qur‘ans Wort geworden ist (Inlibration), so wie Christen glauben, dass Gott in der Gestalt Jesu Mensch geworden ist (Inkarnation). Derselbe Stellenwert, den Jesus im Christentum einnimmt, nimmt der Qur‘an im Islam ein. Wie ein Christ mit Christus zu leben versucht, oder in seiner „Nachfolge“, so versucht der Muslim, in und mit dem Qur‘an zu leben. Die Rezitation des Qur‘ans im rituellen Gebet hat dieselbe Funktion wie die Eucharistie- bzw. Abendmahlsfeier im christlichen Gottesdienst: sich als Mensch mit Gott bzw. Seinem Wort zu vereinen. (Anm. d. Red.: Es ist zu erwähnen, dass, nach Auffassung der Islamischen Experten, der Qur’an nur das Wort Gottes übermittelt. Die in der Fußnote erwähnte Erklärung/Analogie der Bedeutung des Qur’ans für die Muslime am Beispiel des Christentums, ist die Auffassung des Autors und wird von den islamischen Experten nicht bestätigt.) [2] Ob Jesus und Muhammad vollkommene Vorbilder waren, ob sie sogar sündlos waren (arab. cisma), wie traditionelle christliche und muslimische Theologen übereinstimmend behaupten, will ich hier offen lassen. Mir reicht der Hinweis, dass sie verläßliche Vorbilder waren, von denen wir Menschen zu jeder Zeit lernen können. [3] Das Elixier der Glückseligkeit, Kreuzlingen/Mün- chen 2008, S. 113. [4] Seyed Muhammad Khatami: Religiosität und Modernität, Heidelberg 2001, S. 49f. [5] M. Bauschke, Die Goldene Regel: Staunen – Verstehen – Handeln, Berlin 2010. [6] Zit. nach: Yahya ibn Sharaf al-Nawawī, Das Buch der vierzig Hadithe Kitāb al-Arbacīn mit dem Kommentar von Ibn Daqıq al-cid. Aus dem Arabischen übersetzt und hg. von M. Schöller, Frankfurt/Leipzig 2007, S. 108. [7] In eigener Übersetzung zit. nach: http://www.nahjul-balagha.org/LetterDetail.php?Letter=31 (Herbst 2009). [8] Rauf Ceylan, Die Prediger des Islam. Imame – wer sie sind und was sie wollen, Freiburg 2010, S. 176. [9] Benjamin Idriz, Grüß Gott, Herr Imam! Eine Religion ist hier angekommen, München 2010, S. 35.