Al-Baqara – Vers 164

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. Wahrlich, im Erschaffen der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag und in den Schiffen, die im Meer fahren mit dem, was den Menschen nützt, und in dem, was Allah vom Himmel an Wasser herniedersandte und Er gab der Erde damit Leben, nachdem sie tot war und ließ auf ihr allerlei Getier sich ausbreiten und im Wechsel der Winde und den dienstbaren Wolken zwischen Himmel und Erde, (in all dem) sind Zeichen für Leute, die begreifen.

Erläuterung

Die Aufforderung zur Bewusstwerdung der Schöpfung und die Aufrufe zum Studieren der Natur und zur Erkenntnis Gottes sind wesentliche Grundsätze der Lehren des Heiligen Qur‘an. Die Menschen erhalten durch Gottes Wort die Anweisung, den Himmel, die Erde, die Pflanzen, die Tiere und die große Welt im Inneren des Menschen wissenschaftlich zu erforschen. Im Heiligen Qur‘an werden die Menschen auf unterschiedliche Weise zur Vernunft und zum Studieren des Buches der Schöpfung eingeladen. Es gibt Verse, die auf Ordnung, Berechnung, Messung, Wissen und Weisheit hinweisen. Es werden sogar in manchen Versen Beispiele zur Ordnung dieser Welt angeführt, die den Weg der Bewusstwerdung über die göttliche Schöpfung allen Menschen zugänglich machen.

Jene Verse beinhalten häufig Anhaltspunkte, die zur Erlangung der Wahrheiten des Universums führen und die uns Menschen das Nachdenken lehren. Der Heilige Qur‘an bringt den Menschen auf diesem Weg bei, wie sie durch gewisse Erkenntnisprozesse den Zusammenhang von Ursache und Wirkung und somit den Schöpfer aller Welten erfassen können. Der Heilige Qur‘an weist im Vers 164 der Sure Al-Baqara auf sechs unterschiedliche Ordnungssysteme der Welt hin, die allesamt Zeichen des göttlichen Ursprungs der Schöpfung sind:

1) „Wahrlich, im Erschaffen der Himmel und der Erde […] (in all dem) sind Zeichen für Leute, die begreifen.“

Die Erschaffung des herrlichen Himmels, der leuchtenden Sonne und der stabilen und beweglichen Millionen Sterne, die in der dunklen Nacht mittels ihrer expressiven Leuchtkraft in abstrakter Weise kommunizieren, sich mittels großer Teleskope erkennen lassen und durch eine präzise Ordnung beieinander hängen, und die Schöpfung der Erde, die Leben unterschiedlichster Wesen enthält, darunter hunderttausende Pflanzen- und Tierarten, sind Zeichen der Macht und des Wissens Gottes.

Je mehr das Wissen der Menschheit voranschreitet, desto intensiver wird die Herrlichkeit dieser Welt vor Augen geführt. Wissenschaftler behaupten, dass Millionen von Galaxien im Universum vorhanden sind und unser Sonnensystem Teil einer dieser Galaxien ist. In unserer Galaxie gibt es Abermillionen Sonnen und leuchtende Sterne. Laut Berechnungen der Wissenschaftler könnten auch Leben auf diesen Planeten existieren.

2) „…im Wechsel von Nacht […] (in all dem) sind Zeichen für Leute, die begreifen.“

Der arabische Begriff „Ikhtilaf“ bedeutet zum einen die kausale Aufeinanderfolge verschiedener Dinge. Zum anderen trägt er auch die Bedeutung der Änderung in sich. Es ist daher naheliegend, dass mit jenem Begriff zum einen der natürliche Übergang der Tageszeiten (Tag und Nacht), zum anderen die Änderung eines Zeitmaßes gemeint ist. Der Wechsel von Tag und Nacht und die Aufeinanderfolge von Helligkeit und Dunkelheit entfalten Jahreszeiten, in denen Bäume, Pflanzen und alle weiteren Geschöpfe die Stadien ihrer Vervollkommnung im Lichte dieser allmählichen Änderung Schritt für Schritt durchlaufen.

Dies sind deutliche Zeichen der Existenz eines ordnenden Leiters und Schöpfers. Wenn diese allmählichen Änderungen nicht bzw. chaotisch vorhanden wären, ginge das gesamte existierende Leben der Erde zugrunde. Wenn dennoch Leben vorhanden wäre, dann vermutlich in einer kontinuierlichen und niemals endenden Disharmonie.

3) „…in den Schiffen, die im Meer fahren mit dem, was den Menschen nützt […] (in all dem) sind Zeichen für Leute, die begreifen.“

Das arabische Wort „Al-Fulk“ bedeutet Schiff. Es wird sowohl im Singular (das Schiff) als auch im Plural (die Schiffe) angewandt. Der Mensch durchquert mit kleineren und größeren Schiffen die Ozeane und reist zu den verschiedensten Orten der Welt. Eine Fahrt, insbesondere mit einem Segelschiff, unterliegt bestimmten Gegebenheiten: Erstens sind die der natürlichen Ordnung bestehenden Winde notwendig, die auf der Oberfläche der Ozeane wehen.

Winde, die vom Nord- bzw. Südpol der Erde in Richtung Äquator und vom Äquator zum Nord- bzw. Südpol treiben. Außerdem bewirken gewisse physikalische Gesetzmäßigkeiten, dass das Schiff nicht kentert, sondern trotz des hohen Gewichtes des Wassers getragen wird. Des Weiteren sind die Orientierungspunkte des Nord- und Südpols sowie die Sterne und die Sonne notwendige Voraussetzungen zur einwandfreien Navigation der Schiffe. Durch die Schifffahrt werden also göttliche Geschöpfe, wie z.B. das Meer, die Pole und Winde in ihrem Nutzen für die Menschheit deutlich. Gott, Der Erhabene, offenbart uns anhand der Fortbewegung der Schiffe Seine Zeichen.

4) „…in dem, was Allah vom Himmel an Wasser herniedersandte und Er gab der Erde damit Leben, nachdem sie tot war und ließ auf ihr allerlei Getier sich ausbreiten […] (in all dem) sind Zeichen für Leute, die begreifen.“

Dort, wo Niederschläge fällen, gibt es Leben, Bewegung und Siedlungen. Das Wasser, das in einer regelmäßigen Menge vom Himmel auf die Erde trifft und Vertrocknetes wieder zum Leben erweckt und dadurch eine Vielfalt an Leben schafft, ist ein Zeichen der Macht und Herrlichkeit Gottes.

Der Wille des mächtigen Schöpfers ist durch das Hervorbringen dieser Geschehnisse die Hauptursache all jener Naturphänomene. Der Heilige Qur‘an erhebt den Anspruch, der Menschheit die Ordnung der Natur aufzuzeigen und hilft dabei, Naturkatastrophen der göttlichen Allmacht zuzuordnen.

5) „…im Wechsel der Winde […] (in all dem) sind Zeichen für Leute, die begreifen.“

Die Winde wehen nicht nur über den Meeren, sondern auch über dem Festland, über Berge, Täler und Wälder hinweg. Der Wind ist ein maßgeblicher Faktor der natürlichen Vegetation. Er führt zur Bestäubung verschiedener Pflanzen und dient zur Zerstreuung der Samen. Der Wind lässt Wellen auf den Meeren entstehen, die notwendig sind, um dem Meerwasser den notwendigen Sauerstoff zuzuführen, wodurch das Leben Unterwasser fortbestehen kann.

Auf dem Festland löst der Wind unterschiedliche Wetterlagen aus. Kalte und warme Luftfronten ziehen durch verschiedene Regionen der Welt. Dadurch entsteht rund um den Globus ein Wärmeausgleich. Durch diesen Wärmeausgleich ist die Erde weder überhitzt noch unterkühlt. Auch größere Industriegebiete und Megacitys bestehen nur durch Winde, die dazu führen, dass schädliche Abgase und Schadstoffe fortgetragen werden. Es ist also offensichtlich, dass auch der Wind eines der Zeichen der Weisheit und der unendlichen Gunst Gottes ist.

6) „…und den dienstbaren Wolken zwischen Himmel und Erde, (in all dem) sind Zeichen für Leute, die begreifen.“

Die Wolken tragen große Mengen an Wasser in sich, sind jedoch nicht an das Gesetz der Anziehungskraft gebunden. Sie schweben zwischen Himmel und Erde und bringen auf diese Weise das kostbare Wasser von einem Ort zum anderen. Dabei verursachen sie trotz des enormen Gewichts an Wasser, das sie mit sich führen, nicht den geringsten Schaden für die Umwelt.

Auch die Wolken gehören zu den Zeichen der Herrlichkeit Gottes. Wenn die Wolken nicht das lebensnotwendige Wasser mit sich brächten, dann würden alle Quellen, Bäche und Flüsse versiegen und alles Leben auf dem Festland wäre dem Untergang geweiht. Es gäbe dann nur noch Wüste und totes Land. All diese Begebenheiten, die die Erde als Ganzes zusammenhalten, sind für den Intellekt Zeichen der Existenz Gottes.

Die Vernunft im Heiligen Qur‘an

Welche Mittel zur Erkenntnis stellt der Heilige Qur‘an vor? Betrachtet der Heilige Qur‘an sowohl die Sinne als auch die Vernunft als Notwendigkeiten zur göttlichen Erkenntnis? Erkennt er auch andere Instrumente als die Vernunft und die Sinne an?

1) Sinne

Der Heilige Qur‘an spricht im Vers 78 der Sure An-Nahl: „Und Allah brachte euch von den Bäuchen eurer Mütter hervor, während ihr nichts wisst. Und Er ließ euch über das Hören, das Sehen und den Verstand verfügen, damit ihr euch dankbar erweist.“

Zur Erkenntnis Gottes sind die visuelle und die auditive Wahrnehmung (Seh-und Hörvermögen) von großer Bedeutung. Der Heilige Qur‘an nennt im vorangegangenen Vers zwei wichtige Mittel des Wissenserwerbs: Das Gehör und das Augenlicht. Die Sinne sind aus der Sicht des Heiligen Qur‘an Gaben Gottes, die die Menschen dankbar anzuwenden benat. Sollten sie es nicht tun, unterliegen sie sogar dem Intellekt des Viehs: „Sie haben Herzen, mit denen sie nicht begreifen, und sie haben Augen, mit denen sie nicht sehen, und sie haben Ohren, mit denen sie nicht hören. Sie ähneln dem Vieh, vielmehr sind sie in ihrer Verirrung noch niedriger.“ (Al-Araf: 179)

2) Die Vernunft

Der Mensch benötigt zur Erkenntnis neben den Sinnen die Vernunft. Der Mensch braucht zur Erkenntnis eine gewisse Analyse, die eine Funktion der Vernunft ist. Zwar sind die Sinne notwendige Voraussetzungen zur Erkenntnis, jedoch reichen diese nicht zur Wissensgewinnung vollkommen aus. Eine weitere unerlässliche Fähigkeit, die sich mit der Abstraktion der gefühlten Sinne beschäftigt, ist die Vernunft, die auch beschrieben werden kann als Fähigkeit des Denkens, Fähigkeit des Nachdenkens, Fähigkeit des Gedankens, Fähigkeit, die abstrahiert, Fähigkeit, die verallgemeinert, Fähigkeit, die analysiert, Fähigkeit, die generelle Prinzipien untersucht. [1]

Denker wie Platon betrachteten die reine Vernunft als das Mittel zur Erkenntnis. Auch Descartes versteht die Vernunft als das Mittel der Erkenntnis: Der Sinn nütze nur der Handlung und nicht dem Leben. Er sei wie ein Auto für den Menschen, das nur der Tat diene. Durch den Sinn könne man nichts erkennen. Die Erkenntnis erfolge ausschließlich durch die Vernunft. Andererseits schreiben einige Denker der Vernunft nicht so viel Bedeutung zu und sind der Meinung, dass der Weg zur Erkenntnis durch die körperliche Wahrnehmung erfolgen könne.

Im Heiligen Qur‘an kommt der Begriff Aql [Vernunft] als Name nicht vor, aber die Anzahl der Ableitungen desselben Wortes, wie z.B. aqalu, ya`qilun, ta`qilun, usw., lassen sich an etwa fünfzig Stellen im Heiligen Qur‘an entdecken. Darüber hinaus lassen sich zahlreiche Vokabeln finden, die auf die Vernunft hinweisen, darunter denken, erkennen oder verstehen, z.B.:

„Er ist es, Der die Erde ausdehnte und darauf Berge und Flüsse schuf. Alle Früchte erschuf Er paarweise. Die Nacht läßt Er den Tag bedecken. Darin liegen Zeichen für Menschen, die nachdenken.“ (Ar-Rad: 3)

„Wollt ihr den Menschen Aufrichtigkeit gebieten und euch selbst vergessen, wo ihr doch das Buch lest! Habt ihr denn keinen Verstand?“ (Al-Baqara: 44)

Untersucht man die vorangegangenen Verse, so lassen sich mindestens drei deutliche Aspekte herauskristallisieren:

1) In den meisten Versen, die die Vernunft betreffen, ruft der Heilige Qur‘an die Menschen auf, über spürbare Angelegenheiten, die Argumente und Zeichen der Existenz Gottes sind, nachzudenken. Es wird auf die tiefe und klare Verbindung zwischen den Sinnen und der Vernunft hingewiesen.

2) Die Vernunft ist eine besondere Eigenschaft, die Gott im Wesen des Menschen eingesetzt hat, damit der Mensch dadurch zur Erkenntnis gelangt und entsprechend handelt.

3) Der Umfang der Vernunft ist klar begrenzt und sie kann nicht in allen Fällen urteilen. Eine ausführliche Untersuchung hierzu muss an anderer Stelle fortgeführt werden.

Zweifelsohne misst keine Religion der Wahrnehmung der Vernunft, dem Erwecken der Vernunft und der Befreiung der Vernunft von den Fesseln des Aberglaubens oder des Wahns so große Bedeutung bei wie der Islam. Der Heilige Qur‘an rügt diejenigen, die die Fähigkeit ihrer Vernunft nicht nutzen, und sagt: „Die übelsten Lebewesen sind nach Gottes Urteil die, die sich absichtlich taub und stumm stellen, die, die sich des Verstandes nicht bedienen.“ (Al-Anfal: 22)

Ebenfalls werden die Konsequenzen der Leugnung der Sinne und des Verstandes erwähnt: „Auch sagen sie: Wenn wir gehört und uns des Verstandes bedient hätten, wären wir nicht unter den Bewohnern der Hölle.“ (Al-Mulk: 10)

3) Das Herz

Eine weitere Quelle zur Erkenntnisgewinnung, auf die der Heilige Qur‘an hinweist, ist das Herz [Al-Qalb]. Das arabische Wort „Qalb“ kommt ca. 130-mal im Heiligen Qur‘an vor. In den meisten Fällen wird das Herz im Zusammenhang mit der Fähigkeit der Vernunft genannt: „Denken sie denn nicht gründlich nach über den Qur‘an? Oder sind ihre Herzen verschlossen?“ (Muhammad: 24)

„Allah hat ihre Herzen versiegelt, so wissen sie nicht.“ (At-Tawba: 93)

„Sie haben Herzen, mit denen sie nicht begreifen.“ (Al-Araf: 179)

Es ist zu beachten, dass sich der arabische Ausdruck „Tafaqquh“, der etwa „Begreifen und Verstehen“ bedeutet, im Heiligen Qur‘an nur auf das Herz bezieht. Außerdem schreibt man dem Herzen den Glauben, die Demut und die Bescheidenheit zu.

„Das sind diejenigen, in deren Herzen Allah den Glauben eingeschrieben hat.“ (Al-Mudschadila: 22)

„Ist nicht für die Gläubigen die Zeit gekommen, dass ihre Herzen sich demütigen vor der Ermahnung Allahs.“ (Al-Hadid: 16)

Neben diesen genannten Merkmalen hat das Qalb eine weitere Aufgabe, nämlich das Erreichen des Zustands der Gewissheit: „Und (denke daran) wie Abraham sprach: Mein Herr, zeige mir, wie Du die Toten lebendig machst. Er sprach: Hast du denn nicht geglaubt? Er sagte: Ja, doch, aber um mein Herz zu beruhigen.“ (Ar-Rad: 28)

„Es sind jene, die glauben und deren Herzen Trost finden im Gedenken an Allah. Wahrlich, im Gedenken Allahs werden die Herzen ruhig.“


Quellen: Erläuterung auf Basis der folgenden Qur’anexegesen: „Al-Mizan“, „Majma Ol-Bayan“, „Nemuneh“ und „Noor“
[1] Motahhari, Morteza: Schenachte Islam, S. 68.