Annäherungen an die islamische Philosophie

Um sich dem Studium der islamischen Philosophie anzunähern, gibt es eine Reihe unterschiedlicher Zugänge. Eine mögliche Vorgehensweise stellt die thematische Annäherung dar. Dabei werden einige Schlüsselthemen ausgewählt und die Sichtweisen verschiedener bekannter muslimischer Philosophen zu diesen Themen beleuchtet. Diese Methode kann auch vergleichend angewandt werden, indem man beispielsweise verschiedene Themen aus der westlichen Philosophie heranzieht und, auf Basis der Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Art und Weise wie westliche und muslimische Philosophen diese Probleme behandelt haben, analysiert. Weniger häufig ist dabei der umgekehrte Ansatz, bei dem Themen der islamischen Philosophie ausgewählt und diese mit relevanten Sichtweisen der europäischen Tradition verglichen werden.

Zumeist jedoch wird die islamische Philosophie von einer historischen Perspektive her untersucht. [1] Dabei wird für gewöhnlich mit al-Kindi begonnen um dann die darauf folgenden Jahrhunderte chronologisch abzuhandeln. Die Geschichte der islamischen Philosophie wird in diesem Fall meist in drei Abschnitte unterteilt: Erstens, die Übersetzungen der griechischen Texte ins Arabische (wobei oft die assyrische Sprache als Mittler diente) während der Zeit der abbassidischen Herrschaft, mit den Werken von Avicenna (Ibn Sina) (980-1037) als Höhepunkt; zweitens, von Ibn Sina über die wichtigsten Persönlichkeiten der klassischen islamischen Philosophie, Ghazali, Suhrawardi, Ibn Ruschd, und der mystischen Philosophie des Ibn Arabi und seiner Anhänger bis hin zu Mulla Sadra (1571/2-1640); und drittens, die Periode von Mulla Sadra bis in die Gegenwart.

Für gewöhnlich beleuchtet diese Zugangsweise also die wichtigsten Persönlichkeiten und Denker der islamischen Philosophie in historischer Reihenfolge. Es ist allerdings äußerst selten eine historische Abhandlung der islamischen Philosophie zu finden, die sich im Detail mit dem Letzen dieser drei Abschnitte befasst.

Die drei wesentlichen Zugänge zum Studium der islamischen Philosophie

Eine weitere Möglichkeit der historischen Annäherung wird von jenen vertreten, die sich darum bemühen eine Ideengeschichte zu erstellen. Dabei werden die philosophischen Hauptthemen aus dem vorislamischen Denken in ihrer Weiterentwicklung in den Werken muslimischer Philosophen nach verfolgt. [2] Persönlich finde ich diesen letzteren Ansatz am interessantesten und aufschlussreichsten, doch ist dies nicht die Methode, durch die die meisten Muslime sich dem Studium der islamischen Philosophie annähern.

Die traditionelle Herangehensweise, durch die islamische Philosophie an den meisten theologischen Hochschulen vermittelt wird, ist die Analyse von Originaltexten. Diese Methode wird in den theologischen Ausbildungsstätten prinzipiell für alle „islamischen Wissenschaften“ angewendet. Allerdings sind die Originaltexte schwierig zu verstehen, da sie sich einer speziellen Terminologie bedienen. Um sich also solch einen Text aneignen zu können, ist es notwendig zunächst dessen spezifische Sprache zu erlernen und die Art und Weise der Argumentation des Autors nachvollziehen zu können. Dabei genügt es nicht nur den Text alleine zum Studium heranzuziehen. Das Studium muss immer auch von einem Lehrer begleitet werden, der den Studenten den Text (oder ausgewählte Abschnitte dessen) Zeile für Zeile vorträgt und dabei die genaue Terminologie erklärt und die Studenten durch die Dialektik der Argumentation hindurchführt.

Für gewöhnlich sind diese Originaltexte in arabischer Sprache verfasst, auch wenn im Iran manchmal persische Texte verwendet werden. Deswegen ist eine gründliche Beherrschung des klassischen Hocharabisch eine notwendige Voraussetzung für ein ernsthaftes Studium der islamischen Philosophie. Ich habe die Führung durch die „Dialektik der Argumentation“ der Texte ausdrücklich erwähnt, da die Texte oftmals von einer Reihe von Kommentaren begleitet werden oder Verweise auf vorangegangene Texte beinhalten. Der Autor schreibt beispielsweise gerne „Wenn also folgendermaßen argumentiert wird…“ „dann sollten wir auf diese Weise antworten…“ Dabei beziehen sich die hypothetischen Argumente, die der Autor vorbringt manchmal auf reale und manchmal auf imaginäre Autoren. Doch in beiden Fällen kann die Argumentationslinie oftmals ziemlich komplex und verworren wirken, da auf hypothetische Antworten folgend, hypothetische Retourkutschen erdacht werden auf welche dann wiederum Antworten gefunden werden usw.

Zusammenfassend können wir nun also drei wesentliche Zugänge zum Studium der islamischen Philosophie erkennen: eine themenorientierte, eine historische und eine textorientierte Herangehensweise. Diese Methoden können wiederum separat oder in Kombination angewandt werden und sowohl komparativ erfolgen, als auch konzentriert auf die wichtigsten Persönlichkeiten durchgeführt werden. Während westliche Studien sich meist stärker am historischen Ansatz orientieren, findet in den traditionellen theologischen Schulen öfters eine Konzentration auf die Analyse der zentralen Texte statt. Des Weiteren widmen sich die westlichen Studien weniger spezifischen Argumenten, sondern betrachten eher die generellen Hauptthemen im Überblick. Die Rangfolge der Wichtigkeit dieser Themen wird dabei meist vom Interesse des jeweiligen Historikers bestimmt und nicht vom Grad des Einflusses eines bestimmten Themas auf andere Autoren oder von dessen genereller Wirkungsbreite.

Wir wären aber nachlässig hierbei nicht auch die Differenzen und Konflikte zwischen verschiedenen Historikern des islamischen Denkens zu erwähnen, wie beispielsweise Henry Corbin, Toshihiko Izutsu, und Seyyid Hossein Nasr, die die mystischen Aspekte der islamischen Philosophie hervorgehoben haben, während andere, wie Oliver Leaman, Parviz Morewedge, und Hossein Ziai, diesen Ansatz dafür kritisiert haben, die logischen und naturwissenschaftlichen Aspekte der Philosophie, die ebenfalls als Teil der Geschichte der islamischen Philosophie zu betrachten sind, zu ignorieren, oder zu versuchen, die islamische Philosophie in das vorgefertigte ideologische Rahmenwerk des „Traditionalismus“ [3] zu pressen.

Um ein gutes Verständnis der islamischen Philosophie zu erlangen, auch ohne orientalische Sprachen erlernen zu müssen, stehen eine Reihe von Texten zur Verfügung, die sich der themenbezogenen oder der historischen Methode bedienen. Keines dieser Werke vermittelt einem jedoch ein annäherndes Gefühl dafür, wie der jeweilige Gegenstand aus seinem eigenen Kontext heraus betrachtet wurde. Deswegen werde ich mich im Folgenden einer Besprechung des textorientierten Ansatzes widmen, durch den sich Muslime traditionellerweise dem Studium der Philosophie – und insbesondere der islamischen Philosophie – angenähert haben.

Bidayat al-Hikmah [4]

Auf den Titel dieses Werkes zu schließen, könnte man meinen, dieser Text würde eine Art Einführung für die nicht-Initiierten in die islamische Philosophie beinhalten, denn das arabische Wort „bidāyah“ bedeutet eigentlich „der Beginn“ oder „der Anfang“, und der Begriff Hikmah, obwohl dieser wörtlich mit „Weisheit“ zu übersetzen ist, verweist in diesem Kontext speziell auf „Philosophie“ in der islamischen Tradition. Allerdings handelt es sich bei diesem Werk viel eher um einen zusammenfassenden Überblick, als um eine Einführung. Für ein westliches Publikum wird dieser Text demnach auch eher als eine Art Überflug über den Gegenstand und nicht als ein klassischer Einführungstext bewertet werden. Wenn jemand jedoch über einen Lehrer, der in der islamisch philosophischen Tradition ausgebildet ist, verfügt, dann kann dieses Werk als eine Art Leitfaden dienen, anhand dessen verschiedene Themen mit dem Lehrer diskutiert werden können.

Nach solch einer Art Training kann dann ein detaillierteres Studium dieser Themen erfolgen, basierend auf dem längeren Werk desselben Autors mit dem Titel „Nihāyah al-Hikmah” oder “Das Ende der Philosophie”. Diese beiden Bücher sind aus zweierlei Gründen sehr bedeutend: Erstens, weil sie eine neue Art der Herangehensweise an die Vermittlung der Philosophie in den traditionellen islamischen Ausbildungsstätten signalisieren, und zweitens aufgrund der enormen Bedeutung und Wichtigkeit der Position ihres Verfassers. Der Autor dieser Werke, Allama Tabatabai (1904-1981), [5] ist wohl am bekanntesten durch seine Erläuterung des Qur‘an, „Al-Mizan“ („Die Waage“), ein monumentales Werk, das 20 Bände umfasst, im Original auf Arabisch verfasst, und bemerkenswerte Auseinandersetzungen mit philosophischen, sozialen, historischen und ethischen Themen beinhaltet. Der Autor von Al-Mizan wird zu dem auch als bedeutender Philosoph, tiefgründiger Mystiker, und als außergewöhnlich bescheidener und tugendhafter Mensch verehrt.

Er wurde in Tabriz, in der nordwestlichen iranischen Provinz Azerbaijan geboren. Seine Mutter starb, als er fünf Jahre alt war und sein Vater, selbst ein religiöser Gelehrter, schied dahin, als er neun war. Der verwaiste Junge widmete sich dem Studium der islamischen Wissenschaften in Tabriz bis er im Alter von 33 Jahren nach Najaf, Irak, reiste um dort seine Studien unter Lehrern wie Ayatullah Muhammad Husayn Isfahani und Ayatullah Naini weiter zu vertiefen. Er nahm dort auch das Studium der islamischen Philosophie unter Sayyid Husayn Badkubi auf, welcher unter anderem die Werke von Sabzavari, Mulla Sadra, Ibn Sina, die ethischen Abhandlungen von Ibn Maskuyah und die mystischen Theorien von Ibn Turka unterrichtete. In dieser Zeit widmete er sich außerdem dem tiefergehenden Studium der Mathematik.

Nach zehnjährigem Studium in Najaf sah er sich aufgrund finanzieller Schwierigkeiten gezwungen nach Tabriz zurückzukehren, wo er zum Zweck seines Lebensunterhaltes landwirtschaftliche Tätigkeiten aufnahm. Es sollte ihm erst rund 11 Jahre später möglich sein, seine Aktivitäten als Gelehrter erneut aufzunehmen, als er nach Qum eingeladen wurde, um dort zu unterrichten. Diese Zeit, kurz nach dem zweiten Weltkrieg, fiel in jene Periode, in der Ayatullah Burujirdi Direktor der theologischen Hochschulen in Qum geworden war (nach 1961). Während den 1940er Jahren bestanden diese theologischen Ausbildungsstätten aus einem Konglomerat von sieben wichtigen islamischen Schulen („Madrasas“), die von weniger als 1000 Studenten besucht wurden. Doch nach dem Ableben von Ayatullah Burujirdi war die Zahl der Studenten bereits auf über 10.000 angestiegen. In Qum begann Allama Tabatabai damit, öffentliche Vorlesungen über Philosophie zu halten — ein Fach, welches zuvor nur privat unterrichtet worden waren. Ayatullah Burujirdi stand diesem Vorhaben zunächst äußerst skeptisch gegenüber, ließ seinen Widerstand jedoch bald fallen, als Allama Tabatabai damit argumentierte, dass bereits die Niedrigsemestrigen an den theologischen Schulen mit den Grundlagen der islamischen Philosophie vertraut gemacht werden müssten, um gegenüber den Herausforderungen der marxistischen Philosophie entsprechend gerüstet zu sein, welche besonders unter den jungen Leuten dieser Zeit enorm an Popularität zugenommen hatte.

In diesem Kampf gegen die marxistische Philosophie, wurde Allama Tabatabai von einem seiner besten Schüler Murtadha Mutahhari unterstützt, mit dem er gemeinsam das Werk „Usūl-e-Falsafah va Rawesch-e Reālīsm“ ( „Die Prinzipien der Philosophie und die Methode des Realismus“) verfasste – ein Werk, das dazu dienen sollte die islamische Philosophie als überlegene ideologische Alternative zum Marxismus zu präsentierten. Viele der wichtigsten Lehrer der Philosophie im Iran waren Studenten von Allama Tabatabai, darunter Ayatullah Mizbah Yazdi, Ayatullah Jawadi Amuli und Ayatullah Hasan Zadeh Amuli an den theologischen Hochschulen Qums, Sayyid Aschtiyani in Maschhad und Dr. Dinani an der Universität Teheran. Von jenen wichtigen Vordenkern der islamischen Revolution im Iran, die den Märtyrertod fanden, zählten neben dem bereits erwähnten Schahid Mutahhari, auch Schahid Beheschti und Mustafa Khomeini zu den Schülern von Allama Tabatabai. Weitere bekannte Studenten sind der wahrscheinlich ebenfalls zu den Märtyrern zählende libanesische Gelehrte Musa Sadr, sowie der ehemalige Präsident des Iran Mahdavi Kani. Aber auch Gelehrte außerhalb des Irans, wie Dr. Seyyed Hossein Nasr, Henry Corbin und William Chittick konnten in hohem Maße vom Unterricht oder der Zusammenarbeit mit Allama Tabatabai profitieren.

Zusätzlich zur Philosophie zeigte Allama Tabatabai auch reges Interesse an Mystik, sowohl auf theoretischem Gebiet, als auch in der praktischen Anwendung. Sein wohl berühmtester Student auf diesem Gebiet war der überaus produktive und weithin geschätzte Ayatullah Hussayni Tehrani (gestorben 1996). Die eigene spirituelle und moralische Ausbildung (seyro-suluk) hatte Allama Tabatabai von Hajj Mirza Ali Qadi [6] erhalten. Während der Zeit, in der Allama Tabatabai in Qum unterrichtete, herrschte an den theologischen Hochschulen große Unruhe. Viele der besten Gelehrten jener Zeit, unter anderem Imam Khomeini und Schahid Muahhari riefen zu Reformen auf. Angesichts der neuen Herausforderungen, mit denen sich die Geistlichen konfrontiert sahen, schienen die alten Unterrichtsmethoden einfach nicht mehr auszureichen und wurden in Folge massiv in Frage gestellt.

Ein erster wesentlicher Schritt in Richtung Reform war die Gründung der Madrasah Muntadhiriyah, die später als Madrasah Haqqani bekannt wurde und die bis heute unter dem Namen Madrasah Schahidayn („die Schule der beiden Märtyrer“) – benannt nach den beiden Märtyrern Schahid Qudussi (dem Schwiegersohn Allama Tabatabais) und Schahid Beheschti der ebenfalls an dieser Schule unterrichtete) in Betrieb ist. Die Verwaltung dieser theologischen Schule hatte erstmals beschlossen Philosophie und einige weitere neue Unterrichtsgegenstände, zusätzlich zu dem damaligen Standard der Lehre der arabischen Hochsprache, der islamischen Jurisprudenz und der Glaubensgrundlagen, in den Lehrplan aufzunehmen. Um dieses Vorhaben in der Praxis umsetzen zu können, wurde Allama Tabatabai gebeten, zwei philosophische Einführungswerke zu verfassen nach denen die Studienanfänger und die Fortgeschrittenen unterrichtet werden sollten. Die Erfüllung dieser Bitte wurde in Form der beiden Werke „Bidāyah al-Hikmah“ und „Nihīyah al-Hikmah“ realisiert. Als Allama Tabatabai den ersten Entwurf seines Bidāyah al-Hikmah fertig gestellt hatte, soll er Ayatullah Jawadi Amuli gebeten haben, nach diesem Buch zu unterrichten und etwaige Verbesserungsvorschläge und Korrekturen, die dieser für nötig erachten würde, vorzubringen. Ayatullah Jawādī kam dieser Bitte nach und unterhielt während der Dauer seines Kurses eine ausführliche Korrespondenz mit Allama Tabatabai, in der verschiedene Fragen und Verbesserungsvorschläge diskutiert wurden.

Erst nach diesem Prozess der Revision und einer endgültigen Überarbeitung durch den Autor wurde der fertige Text schließlich im Monat Rajab des Jahres 1390 n.H. (1970 n.Chr.) offiziell veröffentlicht. Die Publikation des zweiten Werkes „Nihīyah al-Hikmah“ folgte fünf Jahre später. Allama Tabatabais Werk ist so aufgebaut, dass sich darin zumindest Referenzen zu allen wesentlichen Themen befinden, die von muslimischen Philosophen aus der Schule von Mulla Sadra behandelt wurden. Allerdings akzeptierte der Autor selbst nicht alles, was Mulla Sadra gelehrt hatte vorbehaltlos. Allama Tabatabai führt seine Studenten so nicht nur in die wichtigsten Themengebiete der islamischen Philosophie ein, sondern bringt auch seine eigenen kritischen Anmerkungen und Überlegungen mit ein. Obwohl er Mulla Sadra nicht explizit kritisierte, so werden die feinen Unterschiede zwischen seinen eigenen Ansichten und denen von Mulla Sadra und Sabzavarī doch für jene deutlich, die mit den Details der Lehren jener Philosophen vertraut sind.

Der Lehrer, der nach diesem Werk unterrichtet oder auch fortgeschrittenere Studenten, werden die Studienanfänger auf einige dieser Unterschiede hinweisen können. Diese Informationen wiederum werden in den Anfängern eine Neugierde wecken, die früheren Originaltexte selbst zu analysieren. In manchen Fällen wird dies den einen Studenten dazu führen, die alten Meinungen aufs Neue zu verteidigen, während in anderen Fällen manche Studenten zu der Meinung gelangen, dass die früheren Ansichten nicht hart genug kritisiert worden sind und sie werden sich darum bemühen neue Positionen aufzuzeigen. Wenn ein bestimmter Text auf diese Art und Weise erst einmal vollständig erarbeitet und beherrscht wurde, dann kann der Student selbst damit beginnen, diesen Text anderen Studenten zu lehren. Traditionellerweise wurde die Erlaubnis zu unterrichten vom eigenen Lehrer eingeholt, doch ist solch eine Erlaubnis nicht unbedingt notwendig. Wenn andere Studenten den Eindruck haben, dass jemand ein gutes Verständnis von einem Text erlangt hat und diesen mit Klarheit und Deutlichkeit vermitteln kann, dann werden diese meist ganz von selbst mit einer gewissen Zudringlichkeit um Lektionen bitten.

Das Bidāyah ist auf Arabisch verfasst und in 12 Kapitel unterteilt:

  1. Allgemeine Prinzipien der Existenz
  2. Externe und mentale Existenz
  3. Verbundene und unabhängige Existenz
  4. Notwendigkeit, Möglichkeit und Unmöglichkeit
  5. Wesenheit (Quiddität)
  6. Kategorien
  7. Ursache und Wirkung
  8. Einheit und Vielfalt
  9. Vorrangigkeit und Ursprung
  10. Aktualität und Potentialität ( Wirklichkeit und Möglichkeit )
  11. Erkenntnis
  12. Die notwendige Existenz

Scharh al-Manzuma [7]

Vor der Veröffentlichung von Allama Tabatabais „Bidāyat“ begannen die meisten Studenten an den theologischen Schulen ihr Studium der islamischen Philosophie zunächst mit dem Werk „Scharh al-Manzuma“. Der Titel bedeutet in etwa so viel wie „Erläuterung des Manzuma“ — womit eine bestimmte Gattung eines didaktischen Gedichtes in Versform bezeichnet wird. Die Erläuterungen wurden vom Autor des Gedichts – Mulla Hadi Sabzavari (1797-1873) – selbst verfasst, über den John Cooper in der Routledge Enzyklopädie der Philosophie folgendes bemerkt hat:

„Al-Sabzawaris Ruhm beruht in erster Linie auf seinem Werk Ghurar al-Fara’id („ Das Funkeln der Perlen“), ein Gedicht in dem er eine systematische und vollständige Präsentation der Philosophie der Schule von Mulla Sadra wiedergibt, zusammen mit seinem „Scharh al-Manzuma“ – seine eigenen Erläuterungen zu jenem Gedicht, welche er in Verzweiflung angesichts der philosophischen Ignoranz seiner Zeitgenossen verfasst hatte. Der Verdienst seines Werkes liegt dabei nicht so sehr in der Begründung radikal neuer Theorien, sondern in dessen Planung, Struktur und Organisation, aufgrund dessen es bis heute als ein Standardtext für Studenten der Philosophie an schiitischen Madrasas verwendet wird. Wenn sich diese Situation heutzutage auch ändert und zunehmend neue Lehrtexte herausgegeben werden, so stehen die meisten dieser Texte doch immer noch sowohl strukturell als auch inhaltlich wesentlich unter dem Einfluss des Scharh al-Manzuma.“ [8]

Im Folgenden befindet sich ein Überblick über den Inhalt des Scharh al-Manzuma zusammen mit einer Auflistung der Kapitel, unter denen sich diese Themen im Bidāyah finden lassen.

1. Teil : Allgemeine Prinzipien

  1. Perle 1: Existenz und Nicht- Existenz B1, B2, B3, B12
  2. Perle 2: Notwendigkeit und Möglichkeit B4, B12
  3. Perle 3: Ewigkeit und Ursprung B9
  4. Perle 4: Wesenheit B5
  5. Perle 5: Einheit und Vielfalt B8
  6. Perle 6: Ursache und Wirkung B7

2. Teil: Substanz und Akzidenz

  1. Perle 1: Substanz B6
  2. Perle 2: Akzidenz B6
  3. Perle 3: Kategorien der Akzidenz B6

Das einzige Thema im Bidāyah, das nicht im Scharh al-Manzuma vorhanden ist, ist das Kapitel über „Erkenntnis“, während alle wesentlichen Themen, die im Scharh al-Manzuma behandelt werden, zumindest ansatzweise im Bidāyah diskutiert werden. Je weiter wir nun im 20. Jahrhundert der islamischen Philosophie voranschreiten, desto deutlicher tritt die Rolle der Epistemologie hervor. In Ayatullah Misbahs „Philosophischen Unterweisungen“ etwa ist ein eigener Teil, gleich nach den einführenden historischen Kapiteln, alleine epistemologischen Fragen gewidmet.

Usūl al-Mu’ārif

Obwohl dieses Werk nicht als einführender Lehrtext für die islamische Philosophie an den theologischen Hochschulen verwendet wurde, so steht es doch stellvertretend für die „Schule von Isfahan“ und insbesondere für jene Art der Philosophie, die mit Mulla Sadra (gestorben 1640 n.Chr.) assoziiert wird. Verfasst wurde der Text von Mulla Musin Fay Kashani (gestorben 1680 n.Chr.), dem Schwiegersohn von Mulla Sadra. Er war außerdem auch der Autor eines Divan von Gedichten, einer Sammlung von islamischen Überlieferungen (adīth), eines Kommentars (Tafsīr) des Qur‘an, eines Buches über Mystik, eines vierbändigen Werkes, das als eine Art schiitische Erwiderung auf Ghazalis „Widerbelebung der religiösen Wissenschaften“ zu lesen ist, sowie einer Reihe von Aufsätzen über islamische Jurisprudenz, die Systematisierung der Wissenschaften und die mystische Reise. Der Text ist auf Arabisch verfasst und ist in Kapitel unterteilt, die als „Tore“ („bāb“) bezeichnet werden. Im Folgenden werden diese Kapitel angeführt — wiederum versehen mit Referenzen auf die entsprechenden Kapitel im Bidāyah.

  • Bāb 1: Existenz und Nicht-Existenz B1, B2, B3, B12
  • Bāb 2: Über Erkenntnis und Ignoranz B 11
  • Bāb 3: Erkenntnis/Wissenschaft der Namen B 11
  • Bāb 4: Wesenheit und ihre Bestimmung B 5
  • Bāb 5: Ursache und Wirkung B 7
  • Bāb 6: Natur, Erneuerung, Geisterwesen, Ursprung der Welt B 6, B 9
  • Bāb 7: Bewegung, Zeit, Örtlichkeit, Ewigkeit B 9, B 10
  • Bāb 8: Die Himmel und die Erde, Seelen,Intellekte, Fakultäten, Engel, Jinn und Teufel B 2
  • Bāb 9: Gut und Böse, Genuss und Schmerz,Belohnung und Bestrafung, Himmel und Hölle
  • Bāb 10: Erschaffung, die Realitäten der Existenzen, ihr geistiges Wesen und ihre Erscheinungsformen
  • Schlussfolgerung: Das Diesseits und das Jenseits

Diese Übersicht lässt uns erkennen, dass bestimmte religiöse Themen, die in der Philosophie von Fayd enthalten sind, weder in den Einführungstexten von Sabzavari noch von Tabataba’i behandelt werden. Einer der frühesten Texte, der an den theologischen Hochschulen immer noch gelehrt wird, ist Avicenna´s „Buch der Ratschläge und Erinnerungen“. Dieses Werk wurde in vier Bänden herausgegeben.

  • Band 1: Logik
  • Band 2: Körper
  • Band 3: Theologie
  • Band 4: Mystik

Diese Unterteilung geht allerdings lediglich auf den Herausgeber des Werkes zurück. Ibn Sina selbst hat sein Werk aufgeteilt in Logik und das, was darauf folgt, welches er wiederum in zehn Methoden (Namat) unterteilt hat.

  • Namat 1: Substantielle/ materielle Körper
  • Namat 2: Anweisungen, Primäre und Sekundäre Körper
  • Namat 3: Irdische und Himmlische Seelen
  • Namat 4: Existenz und Ursache
  • Namat 5: Werk und Entstehung
  • Namat 6: Ziele, Ursprünge, Ordnung
  • Namat 7: I mmaterialität
  • Namat 8: Glückseligkeit
  • Namat 9: Einführung in die Mystik
  • Namat 10: Das Geheimnis der Zeichen

Verfolgen wir die islamische Philosophie von Ibn Sina ausgehend weiter, dann wird deutlich, dass die Naturphilosophie immer weniger bedeutend wird und dass dafür die Metaphysik immer stärker in den Vordergrund rückt. Philosophische Psychologie findet dabei weniger Beachtung, während die Epistemologie immer deutlicher hervortritt.

Das Werk von Ayatullah Misbah wird meist als peripatetisch eingestuft, da es danach strebt einige der Thesen von Ibn Sina in Opposition zu den mystischeren Aspekten der Schule Mulla Sadras zu bestätigen. Dennoch finden sich im Iran auch viele zeitgenössische Philosophen, die den mystischeren Zugang bevorzugen und andere, die sich darum bemühen in Bezug auf Schlüsselthemen die Haltung der „Philosophen der Erleuchtung“ wieder zu beleben. Zusätzlich sieht sich die islamische Philosophie heute mehr denn je mit den Agonien des Wettbewerbs mit der modernen und zeitgenössischen westlichen Philosophie konfrontiert.

Dr. Muhammad Legenhausen

Anmerkungen: [1] Für Beispiele siehe Henry Corbin, History of Islamic Philosophy (London: Kegan Paul, 1993).  [2] Die wahrscheinlich beste verfügbare Einführung in die Islamische Philosophie ist die Sammlung der Artikel, die von Seyyid Hossein Nasr and Oliver Leaman als „History of Islamic Philosophy“ (2 vols.), (London: Routledge, 1996) editiert wurden. Dieses Werk beinhaltet Artikel über Hintergrundinformationen in Bezug auch Hauptthemen und Einflüsse, Artikel über wesentliche Persönlichkeiten, einen speziellen Abschnitt über Jüdische Philosophen in der islamischen Welt, einen Artikel über die Unterteilungsmöglichkeiten der Philosophie, Artikel über islamische Philosophie in verschiedenen Ländern und eine Sektion über die Rezeption und Interpretation der islamischen Philosophie im Westen.  [3] Für weiterführende Informationen über “Traditionalismus” oder die “Schule der Traditionalisten” siehe Mark Sedgwick, Against the Modern World: Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century, (Oxford, 2004).  [4] Sayyid Muhammad Husayn Tabātabā’ī, The Elements of Islamic Metaphysics, Überesetzung von Sayyid ‘Alī Qulī Qarā’ī (London: ICAS Press, 2003).  [5] Für eine exzellente biographische Abhandlung dieses Autors siehe: Hamid Algar, “Allama Sayyid Muhammad Husayn Tabataba’i: Philosopher, Exegete, and Gnostic,” Journal of Islamic Studies, 17:3, (2006), 326–351.  [6] Siehe ‘Āllāmah Sayyid Muhammad Husayn Husaynī Tehrānī, Mehr-e Tābān (Mashhad: Intishārāt ‘Allāmah Tabātabā’ī, 1417/1996).  [7] Mehdi Mohaghegh und Toshihico Izutsu, übers., The Metaphysics of Sabzavari (Tehran: Iran University Press, 1983).  [8] Routledge Encyclopedia of Philosophy, Version 1.0, London: Routledge.