Qur’an-Exegese – Al-Araf | 7:157

الَّذِينَ يَتَّبِعُونَ الرَّسُولَ النَّبِيَّ الْأُمِّيَّ الَّذِي يَجِدُونَهُ مَكْتُوباً عِنْدَهُمْ فِي التَّوْراةِ وَالْإِنْجِيلِ يَأْمُرُهُمْ بِالْمَعْرُوفِ وَ يَنْهاهُمْ عَنِ الْمُنْكَرِ وَ يُحِلُّ لَهُمُ الطَّيِّباتِ وَ يُحَرِّمُ عَلَيْهِمُ الْخَبائِثَ وَ يَضَعُ عَنْهُمْ إِصْرَهُمْ وَ الْأَغْلالَ الَّتِي كانَتْ عَلَيْهِمْ فَالَّذِينَ آمَنُوا بِهِ وَ عَزَّرُوهُ وَ نَصَرُوهُ وَ اتَّبَعُوا النُّورَ الَّذِي أُنْزِلَ مَعَهُ أُولئِكَ هُمُ الْمُفْلِحُونَ

Aussprache

Al-Ladhīna Yattabi`ūna Ar-Rasūla An-Nabīya Al-‚Ummīya Al-Ladhī Yajidūnahu Maktūbāan `Indahum Fī At-Tawrāati Wa Al-‚Injīli Ya’muruhum Bil-Ma`rūfi Wa Yanhāhum `Ani Al-Munkari Wa Yuĥillu Lahumu Aţ-Ţayyibāti Wa Yuĥarrimu `Alayhimu Al-Khabā’itha Wa Yađa`u `Anhum ‚Işrahum Wa Al-‚Aghlāla Allatī Kānat `Alayhim Fa-Al-Ladhīna ‚Āmanū Bihi Wa `Azzarūhu Wa Naşarūhu Wa Attaba`ū An-Nūra Al-Ladhī ‚Unzila Ma`ahu ‚Ūlā’ika Humu Al-Mufliĥūna

Übersetzung

Dies sind jene, die dem Gesandten (rasul), dem Propheten, folgen, der des Lesens und Schreibens unkundig ist (an-nabi al-ummi); in der Thora und im Evangelium werden sie über ihn (geschrieben) finden. Er befiehlt ihnen das Gute und verbietet ihnen das Böse, und er erlaubt ihnen die guten Dinge und verwehrt ihnen die schlechten, und er nimmt hinweg von ihnen ihre Last und die Fesseln, die auf ihnen lagen -, die also an ihn glauben und ihn stärken und ihm helfen und dem Licht folgen, das mit ihm hinab gesandt ward, die sollen Erfolg haben. (Al-Araf | 7:157)

Allah erläutert in diesem Vers sechs Eigenschaften Seines Gesandten Muhammad (s.a.):

  1. Er ist der Gesandte Allahs. Der „Nabi“ ist derjenige, der Wahy (Offenbarung) bekommt, obwohl er nicht verpflichtet ist, diese zu verbreiten und die Anderen einzuladen. Der „Rasul“ ist im Gegenteil derjenige, der neben dem Prophetentum verpflichtet ist, die anderen zu der Religion Allahs aufzurufen.
  2. Er ist ein Prophet, der nicht gelehrt (al-ummi) ist.
  3. Er ist ein Prophet, dessen Merkmale, Zeichen und Beweise man in den früheren, himmlischen Schriften (in der Thora und im Evangelium) sieht.
  4. Er ist ein Prophet, dessen Lehren mit dem Gebot der Vernunft vollständig übereinstimmen. Er gebietet das Gute und das, was die Vernunft anerkennt, und verbietet das Böse und das, was die Vernunft ablehnt.
  5. Der Inhalt seiner Einladung stimmt mit dem gesunden Wesen der Menschen überein. Er erlaubt ihnen die guten und wohltuenden Dinge und verbietet ihnen die schlechten, unschönen und verabscheuungswürdigen Dinge.
  6. Er ist nicht wie diejenigen, die behaupten Propheten zu sein, um die Massen in Fesseln zu legen, zu knechten und auszubeuten. Er beraubt sie nicht der Freiheit, sondern nimmt ihnen die Bürde hinweg und die Fesseln, die ihre Hände, Füße und Hälse beschwerte. Weil diese Eigenschaften ein offenkundiger Beweis für die Richtigkeit seines Aufrufes sind, sagt der Vers weiter: „Die also an ihn glauben und ihn stärken und ihm helfen und dem Licht folgen, das mit ihm hinab gesandt ward, die sollen Erfolg haben.“

Einige Punkte sind in diesem Vers zu erwähnen und zu beachten.

Beweise für das Prophetentum Muhammads (s.a.)

In diesem einen Vers wurden mehrere Beweise für das Prophetentum des heiligen Propheten Muhammad (s.a.) genannt. In keinem Vers wurden die Begründungen für die beweiskräftige und wahrhaftige Einladung des Propheten des Islam so wie in dem obigen Vers zusammen in einem Vers erwähnt. Wenn wir die Merkmale, die Allah in diesem Vers für Seinen Propheten genannt hat, genau betrachten, werden wir verschiedene Gründe für sein Prophetentum finden.

Erstens: Obwohl er ungelehrt war, brachte er ein Buch hervor, das nicht nur das Schicksal der Menschen im Hidschaz geändert hat, sondern einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit darstellte. Selbst diejenigen, die sein Prophetentum nicht anerkannten, zweifeln nicht an dem großen Einfluss und der Bedeutung dieses Buches und dessen Lehren. Ist es möglich, dass jemand, der ungelehrt ist und in der Umgebung der Unwissenheit aufgewachsen ist, solch ein Buch hervorbringt?

Zweitens: Die Beweise seines Prophetentums wurden mit unterschiedlichen Ausdrücken und Interpretationen in den früheren himmlischen Schriften erwähnt. Wenn der Name und die Eigenschaften des Propheten Muhammad (s.a.) in der Thora und im Evangelium nicht erwähnt worden wären, hätten die Gegner des heiligen Propheten diese beiden Bücher gezeigt und gesagt: „Wir finden deinen Namen und deine Charaktereigenschaften in diesen Schriften nicht.“ Dadurch hätten sie sein Prophetentum und seine Behauptung entkräftet. Aber die Geschichte bezeugt, dass so etwas niemals passiert ist. Auf der anderen Seite gibt es sogar in der heutigen Thora und dem heutigen Evangelium Hinweise auf den Propheten, die die Leute der Schrift immer noch dazu veranlassen, den Propheten Gottes zu erkennen.[1]

Auch die Tatsache, dass in diesem Vers der Name des Gesandten Allahs nicht genannt wird und er mit den drei Eigenschaften – Rasul, Nabi und Ummi – beschrieben wird und weiter fortgesetzt wird: „In der Thora und im Evangelium werden sie über ihn (geschrieben) finden“, weist offenkundig daraufhin, dass er auch in der Thora und im Evangelium mit diesen drei Eigenschaften vorgestellt wurde, weil der Prophet Gottes in keinem Vers außer diesem Vers mit diesen drei Eigenschaften und dem Hinweis auf die Thora und das Evangelium erwähnt wurde.[2]

Drittens: Wenn seine Bemühungen und Mission nicht von Gott wären und er aus persönlichen Interessen zu sich aufgerufen hätte, hätte er nicht die Menschen von den Fesseln und Bürden befreien lassen, sondern hätte sie wie die falschen Propheten in Unwissenheit verharren lassen, um sie besser auszubeuten.

Was bedeutet das Nicht-Gelehrt sein des Propheten?

Über die Bedeutung des Begriffes „Ummi“ gibt es unter den Qur’an-Kommentatoren Meinungsverschiedenheiten. Manche interpretieren es als „ununterrichtet“, d. h. er blieb so, wie er bei seiner Geburt war und ging nicht in die Schule und wurde von keinem Lehrer unterrichtet. Einige betrachten das Wort „Ummi“ als denjenigen, der aus der Gemeinde (umma) und der Masse der Menschen stammt, nicht aus der Schicht der Reichen und Hochrangigen. Einige andere sind der Auffassung, dass mit dem Wort „Ummi“ der Prophet, der aus der Stadt Mekka stammt, gemeint ist, weil Mekka als Umm al-Qura bezeichnet wird.

Bekannter ist die erste Bedeutung, die mit den Anwendungen dieses Begriffes besser übereinstimmt. Ferner besteht kein Zweifel daran, dass sich dieser Begriff auf alle drei Bedeutungen bezieht, weil ein Wort in der arabischen Sprache in mehreren Bedeutungen angewendet werden kann, und es genügend Beispiele dafür gibt. Darüber, dass der Prophet nicht zur Schule ging und nicht lesen und schreiben konnte, gibt es unter den Historikern keine Diskussion, und auch der Qur’an sagt deutlich: „Du hast vorher keine Bücher vorgetragen und mit deiner Rechten nicht geschrieben, sonst würden diejenigen, die (deine Verkündigung) für nichtig erklären, (über die Wahrhaftigkeit deiner Aussage erst recht) im Zweifel sein.“ (Al-Ankabut | 29:48)

وَما كُنْتَ تَتْلُوا مِنْ قَبْلِهِ مِنْ كِتابٍ وَ لا تَخُطُّهُ بِيَمِينِكَ إِذاً لَارْتابَ الْمُبْطِلُونَ

Wenn der Prophet in einer solchen Umgebung bei einem Lehrer das Lesen und das Schreiben gelernt hätte, wäre es bekannt gewesen. Angenommen, dass wir seine Prophetenschaft nicht akzeptieren würden, wie könnte er denn so ausdrücklich in Gottes Buch diese Möglichkeit abwenden? Hätten die Leute ihm nicht widersprochen, wenn es bekannt gewesen wäre, dass er unterrichtet worden ist? Diese Eigenschaft war eine Unterstreichung seines Prophetentums, damit alle Wahrscheinlichkeiten und Annahmen hinsichtlich seiner Verkündung und Ernennung durch einen anderen als Gott (Allah) entkräftet werden.

Aber der große Fehler, der hier vermieden werden sollte, ist folgender: Ununterrichtet zu sein zu verwechseln mit dem Zustand, Analphabet zu sein. Diejenigen, die den Begriff „Ummi“ mit Analphabet interpretieren, achten anscheinend nicht auf diesen Unterschied. Es besteht kein Grund, warum der heilige Prophet nicht auch durch den Willen und Lehren Gottes lesen und schreiben konnte, ohne dass er von einem Menschen unterrichtet wurde. Gewiss sind diese Fähigkeiten zur Vervollkommnung der Menschen notwendig und für das Propheten-Amt angemessen. Den Beweis für diese Tatsache bilden die Überlieferungen der Ahl-ul-Bayt (a.s) in diesem Kontext, die besagen, dass der Prophet lesen konnte bzw. sowohl die Fähigkeit zu lesen als auch die Fähigkeit zu schreiben hatte.[3]

Der wichtigste Vers zum Thema Freiheit

„Isr“ ist ein Seil, das man an die Zeltstange bindet, damit es das Zelt fest am Boden hält und es daran hindert, sich zu bewegen. Dieser Vers besagt, dass der Prophet gekommen ist, die Fesseln, die den Menschen am Boden halten und am Bewegen und Fliegen hindern, von den Händen und Füßen der Menschen zu entfernen. Er ist entsandt worden, damit er den Menschen die Fesseln der Unwissenheit und des Dogmas durch die ständige Einladung zum Erlangen des Wissens und zum Denken abnimmt. Er ist entsandt worden, um der Götzendienerei und dem Aberglauben ein Ende zu setzen durch den Aufruf zum Monotheismus.

Er ist entsandt worden, damit er die Diskriminierungen und das Leben nach gesellschaftlichen Gruppen (Klassensystem) durch den Aufruf zur religiösen, islamischen Bruderschaft und zur Gleichheit gegenüber den Gesetzen abschafft. Er ist entsandt worden, damit er den Menschen zeigt, dass sie Gegenstand von Allahs Ansprachen sein können und dass Allah ihnen so großen Wert beimisst, dass Er sie sogar als Seine Vertreter und Nachfolger auf der Erde vorstellt. Er lehrte die Menschen, dass sie göttlich sein und die unendlichen, freien Grenzen erreichen können.

Ohne Zweifel war eines der wichtigsten Ziele des Propheten die Befreiung und Befreiung von den Fesseln des Aberglaubens und von unvernünftigen Hindernisse auf dem Entwicklungsweg der Menschheit zur Vervollkommnung auf dem Wege zu Ihrem Schöpfer. Er sagte gegenüber den Leuten, über die jahrelang die Unwissenheit und der Aberglaube herrschten, Folgendes: „Mit dem Erscheinen des Islam sind alle zweifelhaften Gedanken und Überzeugungen nichtig und liegen unter meinen Füßen begraben.“[4]

In der Geschichte lesen wir, dass der Prophet Maaz ibn Dschabal in den Jemen schickte und ihm folgenden Befehl gab:„O Maaz! Schaffe die Wirkungen der Unwissenheit und die abergläubischen Gedanken ab und belebe die Tradition und alle Angelegenheiten des Islam, ob klein oder groß.“[5]

وَ اَمِت اَمرَ الجاهِلیةِ الا ما سَنَّهُ الاِسلامُ وَ اَظهر اَمرَ الاِسلامِ كُلَّه صغیرَه و كبیرَه

Der Islam als letzte göttliche Religion kann die heutige, moderne Unwissenheit auch abschaffen, wie er in der Zeit der Unwissenheit eine große Änderung schaffte und die Unwissenheit in die Vernünftigkeit verwandeln konnte. Im Heiligen Qur’an werden als die wichtigsten Merkmale der Epoche der Unwissenheit zu Zeiten des heiligen Propheten folgende aufgeführt: Rassismus, Luxus, Verschwendung, Unzucht und sexuelles Fehlverhalten.

Leider können wir die fortgeschrittenen Beispiele dieser Merkmale auch in den heutigen modernen Gesellschaften finden. Wenn die Frauen in der damaligen Unwissenheit sich schmückten und ihre Kopftücher so legten, dass ein Teil ihres Halses und ihrer Brust, ihre Halskette und ihr Ohrring gesehen wurden, so gibt es heutzutage Erotik-Clubs, in denen sie weitaus mehr entblößen.

Wenn in der Zeit der Unwissenheit der Araber die Prostituierten ihre Flaggen an der Tür ihres Hauses setzten, um die Leute zu sich einzuladen, gibt es heute verschiedene Clubs, in denen die Frauen als Handelsware behandelt werden und dadurch sogar am Recht auf das Muttersein und Mutterwerden gehindert werden. Heutzutage in der Ära der Computer sind wir mit einer Unwissenheit konfrontiert, die noch schlimmer ist als in der Vergangenheit.

In der fortgeschrittenen Ära der Technologie bedeutet die Unwissenheit, dass man seines Geschlechts müde ist und es umwandelt anstatt die dafür verantwortlichen psychischen Störungen zu heilen. Heutzutage ist die lebende Beerdigung der Mädchen abgeschafft, aber ersetzt wurde sie durch die Abtreibung. Die moderne Unwissenheit bedeutet, dass man auf die Marke des Anzugs der anderen mehr Wert legt als auf deren Persönlichkeit und Erkenntnis.

Die moderne Unwissenheit bedeutet, dass man nicht einmal ein Zehntel von dem, was man für sein Aussehen ausgibt, für die Verbesserung seines Inneren ausgibt. Die moderne Unwissenheit bedeutet, dass man eine Kleidung, die man überhaupt nicht mag, nur wegen der Mode trägt. Die moderne Unwissenheit bedeutet, dass man all seine Zeit mit Hunden und Katzen verbringt, statt mit seinen Mitmenschen den Kontakt pflegen. Die moderne Unwissenheit bedeutet, dass man in seinem Zimmer alle Arten von Mitteln zum Zeitvertreib hat, aber kein Buch zum Lesen hat. Die moderne Unwissenheit bedeutet, dass man nicht weiß, woher man gekommen ist, wofür man erschaffen wurde und wohin man nach dem Tod gehen wird.

Weitere Verse im Qur’an über die Freiheit

Einige weitere Verse, die zum Thema „Freiheit im Islam“ untersucht wurden:

„Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden gegenüber dem unrichtigen.“ (Al-Baqara | 2:256)

لاإِكْراهَ فِي الدِّينِ قَدْ تَبَيَّنَ الرُّشْدُ مِنَ الْغَيّ

„Wir haben ihm den rechten Weg gewiesen, so wird er entweder dankbar (gläubig) oder undankbar (ungläubig).“ (Al-Insan | 76:3)

‏ إِنَّا هَدَيْنَاهُ السَّبِيلَ إِمَّا شَاكِرًا وَإِمَّا كَفُورًا

„Sprich: „Das ist die Wahrheit von eurem Herrn. Wer glauben will, möge glauben, und wer ablehnen will, möge ablehnen.““ (Al-Kahf | 18:29)

وَ قُلِ الْحَقُّ مِنْ رَبِّكُمْ فَمَنْ شاءَ فَلْيُؤْمِنْ وَ مَنْ شاءَ فَلْيَكْفُر

Manche Forscher wollen durch solche Verse behaupten, dass der Islam in absoluter Weise mit jeder Art der Freiheit einverstanden ist. Wenn aber die obengenannten Verse auf so etwas verweisen würden, stünde dies in einem eklatanten Widerspruch zum Tauhid-Grundsatz (Monotheismus) stehen. Diese Behauptung würde der Aussage gleichen, dass eine Regierung unterschiedliche Gesetze verabschiedet und am Ende als ein weiteres Gesetz hinzufügt, dass die Bürger frei sind, diese Gesetze zu befolgen oder auch nicht. Wer will, möge danach handeln, und wer nicht will, möge nicht danach handeln. Dies ist aber absurd.

Um diese Verse genau zu verstehen, sollte gesagt werden, dass die Freiheit in zwei Arten untergeteilt wird: 1. Die natürliche Willensfreiheit (azadi-takwini) 2. Die Freiheit im Rahmen der göttlichen Gesetzgebung (azadi-tashri‘i)

Die natürliche Willensfreiheit bedeutet, dass der Mensch in der Schöpfung die Möglichkeit besitzt, frei zu wählen und die Richtung seines Lebens selbst zu bestimmen. Mit anderen Worten: Er ist zu nichts gezwungen. Der Mensch ist seiner Natur und Schöpfung gemäß ein Wesen, das den Intellekt und Willen besitzt und frei ist, etwas zu tun oder zu unterlassen. Er ist jedoch gezwungen, diese natürliche Willensfreiheit auszuüben.

Auch der Heilige Qur’an respektiert in zahlreichen Versen, unter anderem in den oben genannten Versen, die Existenz der natürlichen Willensfreiheit für Menschen, wie wir in dem zu oberst aufgeführten Verse gelesen haben. Nun sind wir mit der folgenden Frage konfrontiert: Warum gibt es irdische Bestrafung und jenseitige Belohnung, wenn der Mensch in der Ordnung der Schöpfung frei ist? Warum sagt der Heilige Qur’an folgendes: „Ergreift ihn und fesselt ihn! Dann werft ihn in die Hölle.“ (Al-Haqqa | 69:30-31)

Die Antwort ist, dass manche diese Frage deswegen stellen, weil sie zwischen Schöpfung und Gesetzgebung nicht unterscheiden. Ohne Zweifel sagt kein Vers des Heiligen Qur’an, dass der Mensch frei ist und handeln darf, wie er will. Obwohl es heißt: „Sprich: ´Das ist die Wahrheit eures Herrn. Wer glauben will, möge glauben, und wer ablehnen will, möge ablehnen.`“ (Al-Kahf | 18:29), wird der Mensch, wenn er ungläubig wird, auf die Hilfe und Rechtleitung Gottes angewiesen sein, damit er wie folgt bestraft wird: „Ergreift ihn und fesselt ihn! Dann werft ihn in die Hölle.“ (Al-Haqqa | 69:30-31) Dadurch wird deutlich, dass die Ordnung der Schöpfung anders als die Ordnung der Gesetzgebung ist und sie nicht miteinander verwechselt werden sollten.

Der Mensch ist ein begrenztes Wesen, und ein begrenztes Wesen kann nicht eine unbegrenzte Eigenschaft und absolute Freiheit besitzen. Seine Freiheit entspricht dem Maß seiner Existenz und weil das über die Ordnung des Seins herrschende Prinzip das Gesetz der Kausalität ist, liegt die natürliche Willensfreiheit des Menschen im Bereich dieses Gesetzes. Auch wenn der Mensch sich selbst töten will, muss er dies durch das Gesetz der Kausalität tun.

Deswegen lehnt die natürliche Willensfreiheit, auf die viele Verse hinweisen, den Determinismus (dschabr) und die Handlungsübertragung (tafwid) ab.[6] Jedoch wird die natürliche Willensfreiheit, die bedeutet, dass der Mensch freie Wahl besitzt, die Religion und die Wahrheit nicht anzunehmen, niemals im Heiligen Qur’an und in der islamischen Lehre akzeptiert.[7]

Natürlich bedeutet dies nicht, dass irgend ein Zwang in Hinsicht auf das Annehmen der Religion und das Auferlegen des Glaubens zulässig ist, vielmehr bedeutet es, dass der Mensch vor Allah verpflichtet ist, die Wahrheit anzunehmen, und es nicht so ist, dass das, was er entsprechend seiner Freiheit wählt, die Wahrheit sein muss.

Es sollte darauf hingewiesen werden, dass Allah den Menschen von der Schöpfung her frei erschaffen hat und er nicht dazu gezwungen ist, eine bestimmte Religion zu wählen. Jedoch ist er von der Gesetzgebung her verpflichtet, die wahre Religion, die sein reines und göttliches Wesen verlangt, anzunehmen. Der Weg der Rechtleitung und der Vollkommenheit ist vom Weg, der in die Irre führt, unterschieden und jeder Mensch, der nach Glückseligkeit und Vollkommenheit strebt, sollte die göttliche Rechtleitung dazu benutzen, sich vom Ungehorsam und von der Abgötterei zu entfernen und an Allah zu glauben. In dem Fall hat er den Halt der göttlichen Führung ergriffen.

„Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden gegenüber dem unrichtigen. Wer nun an die Götzen nicht glaubt, aber an Allah glaubt, der hat gewiss den sichersten Halt ergriffen, bei dem es kein Zerreißen gibt.“ (Al-Baqara | 2:256)

قَد تَّبَيَّنَ الرُّشْدُ مِنَ الْغَيِّ فَمَنْ يَكْفُرْ بِالطَّاغُوتِ وَ يُؤمِن باللَّهِ فَقَدِ اسْتَمْسَكَ بِالْعُرْوَةِ الْوُثْقَى لاَ انفِصَامَ لَهَا وَ اللَّهُ سَمِيعٌ عَلِيمٌ

Nach den islamischen Lehren wird jeder Glaube des Menschen im Barzakh[8] und im Jenseits in einer bestimmten Form in Erscheinung treten. Unter anderem wird der Unglaube (kufr) bzw. die Ablehnung der Wahrheit in der Form einer Schlange und eines Skorpions sichtbar werden. Dies weist darauf hin, dass der falsche Glaube einem Gift gleicht, das die Seele des Menschen tötet. Und Allah wird niemals damit zufrieden sein, dass der Mensch durch seine absolute Freiheit die Religion der Wahrheit ablehnt und sich durch das Gift des Unglaubens und der Gottesleugnung zerstört.

Wenn Ihr Arzt Ihnen sagen wurde: „Sie können zwischen Gift und Honig frei wählen. Aber Sie müssen wissen; wenn Sie das Gift trinken, werden Sie sterben.“ Hat der Arzt in diesem Beispiel Ihnen die Erlaubnis erteilt, das Gift zu trinken? Oder hat er Ihnen diese nicht erlaubt und sagt Ihnen nur, dass Sie aufpassen sollten und ihre Freiheit richtig benutzen sollten? Wer nach der Forschung und Erkennung der Wahrheit willentlich das Falsche wählt und die Wahrheit ablehnt, wird dem Heiligen Qur’an nach als derjenige bezeichnet, der seine Seele mit Feuer füllt, wie derjenige, der Verbotenes isst und dadurch seinen Magen mit Feuer füllt.

Die natürliche Willensfreiheit erfordert, dass niemand zu einem Glauben gezwungen werden darf. Aber auf der anderen Seite betont die gesetzgeberische Verpflichtung diese Tatsache, dass obwohl es im Glauben keine Nötigung gibt, das Annehmen oder Ablehnen des Glaubens und der Glaube und Unglaube vor Allah nicht gleich sind. Obschon der Mensch von der Schöpfung her kein gezwungenes Wesen ist, ist seine Freiheit aber im Zirkel der göttlichen Religion und deren Anordnungen und steht nicht über ihnen. Niemand sollte sagen: „Ich habe das Recht, die göttliche Religion nicht anzunehmen.“ Denn er würde sich in der Tat durch das Ablehnen der Religion Gottes, die der menschlichen Natur entspricht, von der Menschlichkeit und Vernünftigkeit entfernen.

Auf der anderen Seite ist anzumerken, dass der Vers „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (Al-Baqara | 2:256) diejenigen betrifft, die sich außerhalb der Religion befinden und keine Muslime sind. Ebenfalls will der Vers nicht sagen: „Zwingt nicht, weil es schlecht ist.“ Vielmehr sagt er: „Zwingt nicht, weil es nichts bringt.“ Denn das Annehmen der Wahrheit bzw. die innige Überzeugung von der Wahrheit kann nicht durch Zwang erfolgen.

Aber diejenigen, die die Religion angenommen haben und in deren Bereich getreten sind, haben gewiss deren Grenzen akzeptiert. Das Betreten des Bereiches bedeutet die Akzeptanz der von ihr bestimmten Grenzen. Aus dem Grunde kann man nicht sagen, dass eine Person, die eine Religion angenommen hat, in der Handlung freie Wahl haben und keine Grenzen anerkennen kann. Diese Tatsache ist eine allgemeine Regel und nicht dem Islam oder den anderen himmlischen Religionen eigen.

So kann der Vers „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (Al-Baqara | 2:256) kein Vorwand sein, um die Grenzen der Religion zu brechen. Daher beschränkt sich die Freiheit der Menschen auf die indifferenten Handlungen (mubahat). Aber die Durchführung der empfohlenen Handlungen (mustahabbat) ist bevorzugt. Die Unterlassung der religiösen Verpflichtung (wadschibat) ist nicht zulässig. Das Begehen der verbotenen Handlungen (muharramat) ist unzulässig. Die Durchführung der verpönten Handlungen (makruhat) ist nicht verboten, dennoch ist deren Unterlassung segensreich. Diese fünf Urteile erläutern die Grenze der Freiheit in der Ordnung der Gesetzgebung.

Nicht nur der Islam hat ein System vorgeschlagen, um die religiösen Grundsätze und Prinzipien zu schützen und fortzusetzen, und dadurch die Menschen daran hindert, religiösen Urteilen ungehorsam zu sein, sondern auch alle anderen Religionen, Glaubensrichtungen und Gesellschaften haben Anordnungen, um ihre Grundsätze zu schützen. Allerdings können sie hinsichtlich des Ausmaßes, der Intensivität und der Fälle, gegen die die Menschen nicht verstoßen sollen, unterschiedlich sein.

[1]Unter anderem: Thora, 1. Buch Mose, 17,18; 49,10; Evangelium nach Johannes, 14,15 und 15,26.  [2] Ayatollah Makarem-Schirazi: Tafsir-e-Nemune.  [3] Hashim al-Bahrani: Tafsir al-Burhan. Bd. 4, S. 332.  [4] Siraye ibn Hischam. Bd. 3, S. 412.  [5] Ebd.  [6] Ayatollah Dschawadi Amoli: Rabitaye Din wa Azadi. Erschienen in der Zeitschrift Payame Nur, Nr. 22.  [7] Ayatollah Dschawadi Amuli, Falsafaye Huquqe Baschar, S. 197.  [8] Barzakh ist eine Zwischenphase zwischen dem Ableben und der Auferstehung.