Gerechtigkeit und Gottesfurcht – Al-Ma’ida (5:8)

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.
Oh ihr, die ihr glaubt! Setzt euch für Allah ein und seid Zeugen in gerechter Weise!
Und der Hass gegen eine Gruppe soll euch nicht (dazu) verleiten, anders als gerecht zu handeln.
Seid gerecht, das ist der Gottesfurcht näher. Und fürchtet Allah; wahrlich, Allah ist eures Tuns kundig.

Eines der wichtigsten Gebote des Heiligen Qur‘an für die Menschen ist die Beachtung der Gerechtigkeit, da der Islam die Gerechtigkeit als eines der zentralen moralischen Prinzipien und der wichtigsten Grundsätze der menschlichen Gesellschaften betrachtet und die Beachtung der Gerechtigkeit unter allen Umständen für notwendig hält. Allah, der Erhabene, befiehlt in diesem Vers den Gläubigen, dass sie sich stets für Seinen Weg einsetzen und in Gerechtigkeit bezeugen sollen. Danach weist Er auf einen der Faktoren der Abweichung von der Gerechtigkeit hin und warnt vor Hass, ethnischen Feindschaften und persönlichen Abrechnungen, da diese Feindseligkeiten zum Missbrauch der Rechte der anderen führen. Die Verwirklichung der Gerechtigkeit ist höher und wichtiger als all diese Angelegenheiten. Da die Gerechtigkeit der wichtigste Grundsatz der Gottesfurcht [Taqwa] ist, heißt es in diesem Vers: „Seid gerecht, das ist der Gottesfurcht näher.“ Dieser Vers deutet darauf hin, dass die Gerechtigkeit ein Mittel zur Erringung der Gottesfurcht ist. [1] Es ist in diesem Teil des Verses zu beachten, dass Allah die Gottesfurcht als das grundlegende Prinzip festsetzt und die Gerechtigkeit als Mittel zur Erreichung der Gottesfurcht bezeichnet.

Ayatollah Djawadi Amoli sagte in diesem Zusammenhang: „Aus der Sicht des Heiligen Qur‘an ist der Mensch ein Reisender, und der Reisende braucht Proviant. Der einzige Proviant des göttlichen Reisenden ist die Gottesfurcht. Im Heiligen Qur‘an heißt es: „Du Mensch! Du strebst mit aller Mühe deinem Herrn zu; und du sollst Ihm begegnen.“ (Al-Inschiqaq:8) Aus diesem Grund bleibt der Mensch nie auf dem Weg stehen sowie der Tod nicht das Ende des Lebens bedeutet. Der Reisende wird sicher das Ziel erreichen. Auch wenn er nicht gehen würde, würde er dorthin geführt. Jeder Mensch wird Allah begegnen. Durch den Weg zu Allah können wir Seine Gnade und Barmherzigkeit erfahren. Dieser Weg benötigt Proviant und Ausdauer. Während Allah in einer Stelle des Heiligen Qur‘an den Menschen als Reisenden zu Allah darstellt, spricht Er in einem anderen Vers: „Und versorgt euch mit Wegzehrung! Wahrlich, die beste Wegzehrung ist Gottesfurcht.“ (Al-Baqara:197) Folglich ist der wichtigste und nötigste Proviant der Reise des Menschen die Gottesfurcht. Gemeint ist die Gottesfurcht, die durch Gerechtigkeit am ehesten erreicht wird.“ [2]

Mäßigung der Empfindsamkeit durch die Durchführung der Gerechtigkeit

Allah, der Erhabene, spricht im Vers 135 der Sure An-Nisa die Gläubigen folgendermaßen an: „Ihr Gläubigen! Setzt euch ständig für die Gerechtigkeit ein und seid Zeugen für Allah, auch dann, wenn es gegen euch selbst oder gegen Eltern und Verwandte geht. Ob der eine reich oder arm ist, so ist Allah beiden näher; darum folgt nicht der persönlichen Neigung, auf dass ihr gerecht handeln könnt. Und wenn ihr aber (die Wahrheit) verdreht oder euch von (der Wahrheit) abwendet, so ist Allah eures Tuns kundig.“ In diesem Vers werden die Gläubigen aufgefordert, sich um die Umsetzung der Gerechtigkeit in vollem Maße zu bemühen. Beschäftigt man sich mit den beiden nachstehenden Versen, so lässt sich viel Ähnlichkeit feststellen: In der Sure Al-Maida heißt es: „Setzt euch für Allah ein und seid Zeugen in gerechter Weise!“ In der Sure An-Nisa steht: „Setzt euch ständig für die Gerechtigkeit ein und seid Zeugen für Allah.“ Da die Mäßigung von Empfindungen wie Liebe und Zorn sehr schwierig ist, verwendet der Heilige Qur‘an die Steigerungsform „Qawwamin“, das so viel wie „sich sehr Bemühende“ bedeutet.

Mit dieser Ausdrucksform wird verkündet, dass der Mensch nicht zur Mäßigung der Forderungen gelangt, sofern er sich nicht für die Wahrung der Gerechtigkeit bemüht. Leider gibt es viele Menschen, die äußerlich als gemäßigte und gerechte Menschen erscheinen, in bestimmten Situationen, wie zum Beispiel im Zustand des Zorns, sich jedoch von der Gerechtigkeit entfernen und Unrecht urteilen bzw. bezeugen. Ein gerechter Mensch, dessen Wesen von der Gerechtigkeit geprägt ist, tut niemandem Unrecht. Weder Liebe, Zorn, Drohungen oder Bestechung können einen solchen Menschen vom Pfad der Gerechtigkeit abweichen lassen. Ein gläubiger Mensch bezeugt die Gerechtigkeit, auch wenn sich diese gegen einen selbst, die Eltern oder Verwandten richtet, gar die Interessen der Feinde stärkt. [3] Der Heilige Qur‘an lehrt, dass die Gläubigen jederzeit, in jeder Situation und Angelegenheit, fortwährend Gerechtigkeit ausüben sollten, so dass der eigene Charakter dadurch geprägt und Abweichungen von der Gerechtigkeit dem eigenen Wesen widersprechen wird. Mit anderen Worten: Ein gläubiger Mensch sollte sich mit fester Entschlossenheit und Willenskraft für die Umsetzung der Gerechtigkeit einsetzen.

Hindernisse zur Wahrung von Gerechtigkeit

Da der Heilige Qur‘an nicht nur ein Buch zur Rezitation, sondern auch eine Lehre für Erziehung und Bildung ist, ruft er die Menschen auf, Gerechtigkeit zu beachten und nennt den Weg zur Erreichung der Gerechtigkeit, um dieses hohe menschliche Prinzip in der islamischen Gesellschaft zu etablieren und zu verbreiten. Aus der Sicht des Heiligen Qur‘an ist übermäßige Liebe gegenüber einer Sache oder einer Person und übermäßige Feindseligkeit gegenüber anderen, ein Hindernis für die Verwirklichung von Gerechtigkeit, denn sowohl die maßlose Liebe als auch die maßlose Feindseligkeit hindern den Menschen daran, die Wahrheit zu hören, die Realität zu sehen und gerecht zu handeln. [4] Es ist deshalb nötig, dass Liebe und Hass im Menschen gemäßigt werden, damit diese Empfindungen nicht dazu führen, von dem geraden Pfad abzuweichen und ungerecht zu urteilen oder Unrecht zu bezeugen. [5]

Mäßigung des Zorns

Der Heilige Qur‘an ruft im Vers 8 der Sure Al-Maida den Menschen zur Mäßigung des Zorns auf: „Der Hass gegen eine Gruppe soll euch nicht (dazu) verleiten, anders als gerecht zu handeln.“ Obwohl Muslime aufgrund des Verses „die Gläubigen, die mit ihm (Prophet Muhammad s.) sind, sind hart gegen die feindlichen Ungläubigen, aber gütig untereinander“ (Al-Fath:29) dazu verpflichtet sind, gegenüber den Ungläubigen widerstandsfähig und gegenüber den Gläubigen gütig zu sein, sollten sie dennoch allen gegenüber gerecht handeln und Unterdrückung meiden. Ein Beispiel: Obwohl die Ungläubigen des Stammes Quraisch nach dem Friedensabkommen von Hudaybiyya die Muslime abhielten, das Haus Gottes zu besuchen, gebot der geehrte Prophet seinen Gefährten nach der Eroberung Mekkas durch die Muslime, die Leute von Mekka gerecht zu behandeln. Wenn Ungerechtigkeit sogar einem Feind gegenüber nicht zulässig ist, ist sie einem Gläubigen gegenüber auf keinen Fall zulässig.

Mäßigung der Liebe

Der Heilige Qur‘an erwähnt in dem Vers 135 der Sure An-Nisa die Mäßigung der Liebe zu den Freunden und Verwandten und verlangt von den Gläubigen, dass sie nicht ihren Begierden folgen, weil darin der Ausgangspunkt aller Tyrannei und allen Unrechts liegt. Wenn der Mensch vor seinen persönlichen Neigungen bewahrt bleiben möchte, sollte er wissen, dass Allah, der über alle Wahrheiten der Welt waltet, alle Taten, Gedanken und Emotionen jedes einzelnen Menschen offen darlegen könnte. Zweifelsohne könnte die Kenntnis über die Tatsache, dass Allah allwissend und überall anwesend ist, ein wirksamer Faktor sein, den Menschen daran zu hindern, seinen persönlichen Neigungen zu folgen. [6] Aus diesem Grund wurde am Ende des Verses Folgendes betont: „Und fürchtet Allah; wahrlich, Allah ist eures Tuns kundig.“ (Al-Maida:8)

Umfang der Gerechtigkeit im Heiligen Qur‘an

Neben den zuvor genannten Versen gibt es im Heiligen Qur‘an andere Stellen, in denen vom Thema Gerechtigkeit die Rede ist. Im Folgenden werden einige Beispiele angeführt:

1. Aus der Sicht des Heiligen Qur‘an beruhen die göttlichen Gesetze und Vorschriften auf der Gerechtigkeit. Im Vers 115 der Sure Al-Anaam heißt es: „Und das Wort deines Herrn ist in Wahrheit und Gerechtigkeit vollendet worden. Keiner vermag Seine Worte zu ändern, und Er ist der Allhörende, der Allwissende.“ Allama Tabatabai führt bei der Auslegung dieses Verses an: „Mit dem ‚Wort deines Herrn‘ ist der ganze islamische Aufruf gemeint, alle seine Teile, unter anderem die Prophetenschaft des Gesandten Muhammad (s.) und die Sendung des Heiligen Qur‘an, der vollständiger als alle anderen himmlischen Schriften ist und alle göttlichen Lehren umfasst. Mit der ‚Vollendung des Wortes‘ ist gemeint, dass die himmlischen Gesetzgebungen von der Stufe des Mangels und der Unvollständigkeit zu der Stufe der Vollständigkeit und der Vollkommenheit gelangt ist, und das ist die Religion des Islam. Die Vollendung dieses göttlichen Wortes hinsichtlich der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit bedeutet, dass alles, was in ihm gesagt wurde, verwirklicht wird, und all seine Urteile und Gebote miteinander harmonieren. [7]

2. Eines der Ziele der Entsendung der göttlichen Propheten war, dass sie sich für die Etablierung der Gerechtigkeit unter den Menschen einsetzten. Der Heilige Qur‘an erwähnt in der Sure Asch-Schura das Wort des Propheten: „Und mir ist befohlen worden, ich solle Gerechtigkeit unter euch walten lassen.“ (Asch-Schura:15) In der Sure Al-Hadid heißt es: „Wahrlich, Wir schickten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und die Waagewerte herab, auf dass die Menschen Gerechtigkeit üben mögen.“ (Al-Hadid:25)

3. Der Heilige Qur‘an ruft in zahlreichen Versen die Menschen zur Umsetzung der Gerechtigkeit auf. Unter anderem heißt es in der Sure An-Nahl: „Gott gebietet, Gerechtigkeit walten zu lassen, das Gute zu tun.“ (An-Nahl:90) Des Weiteren gebietet der Heilige Qur‘an den Gläubigen, bei Zusammenkünften und Unterredungen die Gerechtigkeit zu beachten: „Und wenn ihr sprecht, dann seid gerecht, selbst dann, wenn es um einen Verwandten geht, und haltet den Bund Allahs ein. Das ist es, was Er euch gebietet, auf dass ihr ermahnt sein möget.“ (Al-Anaam:152) Ferner wird darauf hingewiesen, dass der Aufruf zur Gerechtigkeit die Ermutigung und die Rechtleitung der Menschen zur natürlichen Neigung bedeutet. Aus der Sicht des Heiligen Qur‘an basiert die Neigung zum Gerechtigkeitswillen auf menschlicher Natur. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er zur Gerechtigkeit neigt, sie einfordert und Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Diskriminierung ablehnt. Allah, der Erhabene, spricht in der Sure Al-Hadid: „Wahrlich, Wir schickten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und die Waagewerte herab, auf dass die Menschen Gerechtigkeit üben mögen.“ (Al-Hadid:25) Nach diesem Vers sollten die Menschen selbst Gerechtigkeit walten lassen und gemäß der Gerechtigkeit leben. Mit anderen Worten: Der Zweck der Entsendung der Propheten ist, dass die Menschen durch die Entwicklung und die Erziehung zur rationalen Vollkommenheit gelangen und im Lichte der rationalen Wahrnehmung und des Denkens ihr soziales Leben vervollkommnen. [8]

4. Allah gebietet auch den Herrschern und Führern der Gesellschaft, unter den Menschen entsprechend der Gerechtigkeit zu herrschen und zu urteilen: „Oh David! Wir haben dich zu einem Stellvertreter auf der Erde gemacht. Du sollst zwischen den Menschen der Wahrheit entsprechend gerecht urteilen und deinen Launen nicht folgen, sonst wirst du von Gottes Weg abkommen. Die Verirrten, die von Gottes Weg abkommen, ziehen sich schwere Strafen zu, weil sie den Tag der Abrechnung vergaßen.“ (Sad:26) In einer anderen Stelle heißt es: „Gott befiehlt euch, euch anvertraute Güter ihren Eigentümern zurückzugeben, und wenn ihr unter den Menschen richtet, Gerechtigkeit walten zu lassen.“ (An-Nisa:58) In einem anderen Vers gebietet Allah seinem Gesandten, gegenüber den Nichtmuslimen gerecht zu urteilen: „Wenn sie zu dir kommen und dich bitten, als Schiedsrichter Urteile zu fällen, darfst du unter ihnen richten, wenn du willst, oder dich von ihnen abwenden. Solltest du dich dafür entscheiden, dich von ihnen abzuwenden, würden sie dir nicht im Geringsten schaden können. Wenn du unter ihnen urteilst, musst du wie immer der Gerechtigkeit entsprechen, denn Gott liebt die Gerechten.“ (Al-Maida:42)

5. Entsprechend den Lehren des Heiligen Qur‘an basiert das islamische Wirtschaftssystem auf der Gerechtigkeit. Der Heilige Qur‘an gebietet den Gläubigen Folgendes: „Gebt volles Maß, bringt niemandem Schaden, wiegt mit der richtigen Waage. Nehmt den Menschen nichts von dem, was ihnen zusteht, und richtet kein Unheil auf Erden an!“ (Asch-Schuara:181-183) Und in der Sure Al-Mutaffifin heißt es: „Wehe den Betrügern! Die, wenn sie sich von ihren Mitmenschen etwas zuteilen lassen, volles Maß verlangen, wenn sie ihnen jedoch zuteilen oder abwiegen, kürzen. Bedenken sie nicht, dass sie auferweckt werden.“

Anmerkungen: 1) Vgl. Atyab Al-Bayan. 2) Entnommen aus der Rede von Ayatollah Djawadi Amoli in der neunten Nacht des Monats Muharram im Jahre 1427. 3) Vgl. Abdullah Djawadi Amoli in der Zeitschrift Pasdare Islam, Nr. 137, S. 7. 4) Die (übertriebene) Liebe zu etwas macht Blind und taub. Awali Al-Laali, B. 1, S. 124. 5) Vgl. ebd., Nr. 237, S. 8. 6) Vgl. Ayatollah Djawadi Amoli in der Zeitschrift Pasdar Islam, Nr. 237, S. 7. 7) Allama Tabatabai: Tafsir Al-Mizan, B. 7, S. 454. 8) Muhaqqiq Damad, Sayyid Mustafa: Huquqe Baschar dar Islam, S. 106.