Hilfsbereitschaft und Kooperation – Al-Ma’ida (5:2)

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.
Und helft euch gegenseitig in guten Taten und Rechtschaffenheit und helft euch nicht bei Sünden und Feindschaft und fürchtet Gott, denn Er ist es, Der streng bestraft. (Al-Ma’ida | 5:2)

Was in dem obigen Vers über Hilfsbereitschaft ausgesagt wird, gehört zu den islamischen Hauptprinzipien, die sämtliche individuelle, gesellschaftliche, rechtliche und moralische Themen beinhalten. Diesen Prinzipien entsprechend wurde den Muslimen empfohlen, einander in guten Taten zu helfen und zu kooperieren; bei unwürdigen Taten jedoch gilt Mithilfe und Kooperation allgemein als verboten, auch wenn man dazu von einem engen Freund oder sogar vom eigenen Bruder aufgefordert wird.

Das Wort „ta’awanu“ [helft] ist der Imperativ der Infinitivform „ta’awun“ [helfen]. Zwei Bedeutungen können von dieser Form abgeleitet werden: Erstens, dass zwei Leute zusammen eine Tat begehen, also eine Tat in Kooperation ausgeführt wird. In Anbetracht dessen, dass das Wort „ta’awun“ die Form „tafa’al“ umfasst, ist anzunehmen, dass die Bedeutung von „ta’awun“ übersetzt „Kooperation in einer Tat“ bedeutet. Wenn zum Beispiel ein sehr schwerer Gegenstand nicht alleine gestemmt werden kann, kann diese Tätigkeit zu zweit ausgeführt werden. Zweitens, dass eine Person in der Ausführung einer Tat wesentlich ist und eine andere Person nur die Bedingungen, die zur Ausführung der Tat notwendig sind, bereitstellt. Ein Beispiel hierfür ist eine Person, die die Pilgerfahrt verrichten möchte und eine andere Person, die das Flugticket dazu besorgt. Im Fachjargon wird dies als „I‘ana“ (eine Form des Beistands) bezeichnet.

Die Frage, die sich hier stellt, ist, welche der beiden Bedeutungen auf „ta’awun“ zutrifft: Ist die Kooperation in einer Tat gemeint, oder dass eine Person in der Ausführung einer Tat wesentlich ist und die andere Person nur eine sekundäre Funktion beim Helfen einnimmt? Als Antwort kann gesagt werden, dass „ta’awun“ die Begriffe „helfen“, „unterstützen“, „Bedingungen für die Ausführung einer Tat bereitstellen“ umfasst. Das Wort „ta’awun“ stammt von der Wurzel „‘aun“ und diese Wurzel bedeutet sowohl wörtlich als auch im Gebrauch „Hilfe“ und „Beistand“; die Form „tafa’al“ bewirkt nicht, dass sich diese Bedeutung ändert. [1]

Im obigen Vers hat „ta’awun“ genau diese Bedeutung, nämlich dass die Muslime einander helfen und sich gegenseitig in guten Taten unterstützen müssen. „al-birri wa-t-taqwa“ [Gute Taten und Rechtschaffenheit]: Wörtlich bedeutet das Wort „birr“ „Gutes“ oder „Gute Taten“ und ist ein Infinitiv. Das Wort „taqwa“ bedeutet Gottesfurcht und Rechtschaffenheit. „birr“ ist ein Nomen, das alle Formen von guten Taten, unabhängig davon, ob sie verpflichtend oder freiwillig sind, umfasst und hauptsächlich für die Verbreitung von Gutem verwendet wird. „barr“ ist jedoch eine Adjektivform, die Beständigkeit und Kontinuität ausdrückt, „wohltätig“ oder „gütig“ bedeutet und zu den schönen Namen Gottes gehört: „Wahrlich Er ist es, Der gütig und barmherzig ist.“ (At-Tur | 52:28) [2].

Im Heiligen Koran wird in Vers 177 der Sure Al-Baqara das Wort „birr“ folgendermaßen verwendet: „Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr euer Gesicht nach Osten und Westen wendet. Frömmigkeit besteht darin, dass man an Gott, den Jüngsten Tag, die Engel, das Buch und die Propheten glaubt, dass man, aus Liebe zu Ihm, den Verwandten, den Waisen, den Bedürftigen, dem Reisenden und den Bettlern Geld zukommen lässt und (es) für den Loskauf der Sklaven und Gefangenen (ausgibt), und dass man das Gebet verrichtet und die Abgabe entrichtet. (Fromm sind auch) die, die ihre eingegangenen Verpflichtungen erfüllen, und die, die in Not und Leid und zur Zeit der Gewalt geduldig sind. Sie sind es, die wahrhaftig sind, und sie sind die Gottesfürchtigen.“

Dieser Vers wurde herabgesandt, als die Gebetsrichtung geändert wurde. Die Änderung der Gebetsrichtung der Muslime hat viel Unruhe in der Gesellschaft ausgelöst. In dem zitierten Vers steht: „Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr euer Gesicht nach Osten und Westen wendet.“ Diese Richtungen sind nicht ausschlaggebend, aber ihre Wertigkeit erhalten sie, weil sie von Gott festgelegt wurde. Die Kaaba betreffend, verhält es sich ebenso: Das besondere an der Kaaba ist, dass sie das Haus Gottes ist und weniger besonders ist, dass sie aus Lehm und Ziegeln besteht. In dem Vers wird dargestellt, dass Frömmigkeit nicht darin besteht, in diese oder jene Richtung zu beten. Worin besteht dann Frömmigkeit? Der Vers beschreibt echte Wohltäter und stellt diese sowohl auf der Ebene des Glaubens, als auch auf der Ebene der Taten und der Ebene der Moral vor. Über ihren Glauben wird gesagt: „Sie glauben an Gott und…“, über ihre Taten wird gesagt: „Das sind diejenigen, die ehrlich sind…“ und über ihr Verhalten wird gesagt: „Sie allein sind gottesfürchtig.“ [3]

Gott hat die Wohltäter auf der Ebene des Glaubens als diejenigen bezeichnet, die an Gott und den Tag des jüngsten Gerichts, an die Engel, das Buch und die Propheten glauben. Diese Definition umfasst das wahre Wissen, an das Gott von seinen Dienern verlangt, zu glauben. Die Art und Weise dieses Glaubens ist ein vollkommener Glaube, dessen Wirkung sich niemals vom Menschen trennt, weder im Herzen noch in den Gliedmaßen. Im Herzen zeigt sich die Wirkung, denn wer so einen Glauben hat, wird weder von Zweifel, noch von Unruhe befallen. Im Verhalten und in den Taten zeigt er seine Wirkung, denn wenn vollkommener Glaube im Herzen zu finden ist, verbessern sich sowohl das Verhalten als auch die Taten.

Ein Beweis dafür, dass dieser Vers diese Bedeutung verwendet, ist die Fortsetzung des folgenden Abschnittes des Verses: „Sie allein sind wahrhaftig.“ Das Wort „wahrhaftig“ wird hier allgemein verwendet und ist nicht auf die Zunge, das Herz oder die Taten anderer Gliedmaßen beschränkt. Ein Wohltäter oder ein guter Mensch ist aus der Sicht des Korans ein wahrer Gläubiger, der in seinen Taten, im Verhalten und in seinem Glauben ehrlich ist. [4]

In Bezug auf die allgemeine Bedeutung von „birr“ muss auch der Aspekt beachtet werden, ob aus der Sicht des Korans die gute Tat ausreichend ist oder ob auch eine gute Absicht diese gute Tat bedingt? Es handelt sich dabei um eine wissenschaftliche Fragestellung. Eine Person möchte beispielsweise beten und ich weiß, dass diese Person aus Heuchelei beten möchte; eine Person möchte eine Moschee oder ein Gebäude für den Islam bauen, aber ich weiß, dass diese Person schlechte Hintergedanken hat und aus dieser Tat ihren eigenen Nutzen ziehen möchte. In diesen Beispielen ist das Äußere der Handlungen gut und schön, aber die Personen, die diese Taten ausführen, haben keine ehrliche und aufrichtige Absicht, sondern die Absicht der Heuchelei und des Betruges.

Es stellt sich die Frage, ob die Hilfe einer solchen Person auch unter den Vers „Und helft euch gegenseitig in guten Taten“ fällt. Nach außen hin ist die Tat einer solchen Person gut und akzeptiert, in Anbetracht des Verses 177 der Sure Al-Baqara, da die Tat so einer Person mit Betrug und Heuchelei verbunden ist und somit die gute Absicht fehlt, erregt diese Tat den Zorn Gottes und findet somit keine göttliche Zustimmung. Aus islamischer Sicht zählt so eine Tat entsprechend nicht zu den „guten Taten“ [birr], sondern mit „birr“ sind gute Taten gemeint, die auf dem Wege Gottes und für Gott ausgeführt werden. [5] Mit dieser Erklärung wird offenkundig, dass „helft euch in guten Taten und Rechtschaffenheit“ als ein wesentliches Prinzip im Islam aussagt, dass eine Person, die eine gute Tat auf dem Wege Gottes ausführen möchte, mit unserer Unterstützung zu würdigen ist.

Auch eine Person, die etwas Verbotenes zu unterlassen versucht und sich Rechtschaffenheit und Gottesfurcht aneignen möchte, bedarf unserer Hilfe und Unterstützung. Im ersten Beispiel ist die Ebene des Ausführens entscheidend, während im zweiten Beispiel die Ebene des Unterlassens vordergründig ist. Einer Person Hilfestellungen zu leisten, die gottgefällig leben möchte, entspricht dem Prinzip der Hilfsbereitschaft, sowohl auf materieller als auch auf spiritueller Ebene. Die spirituelle Ebene meint die Hilfestellung in der Verrichtung religiöser Gebote; die materielle Ebene beschreibt eine gegenständliche Form, also eine beispielsweise finanzielle Unterstützung zur Ausführung gottgefälliger Taten.

„al-ithmi wa-l-‘audwan“ [Sünde und Feindschaft]: Das Wort „ithm“ bedeutet wörtlich „unwürdige“ bzw. „hässliche Tat“ und aus religiöser Sicht „Sünde“ und „Vergehen“, eine Tat, die ein glückliches Leben verhindert. Das Wort „‘audwan“ bedeutet „Feindschaft“ und „Unterdrückung“. Im eigentlichen Sinn haben „‘audwan“ und „ithm“, ähnliche Bedeutungen. Wenn beide Begriffe hintereinander aufgezählt werden, dann hat der Begriff „ithm“ die Bedeutung einer hässlichen und unwürdigen Tat, die nur den Menschen selbst betrifft und keine weiteren Personen in Mitleidenschaft zieht.

Der Begriff „‘audwan“ [„Feindschaft“, „Unterdrückung“] beinhaltet eine Tat, die nicht nur die handelnde Person, sondern auch die Mitmenschen betrifft. Wenn ein Muslim keine Verantwortung für seine religiösen Verpflichtungen übernimmt, begeht er Taten, die nur ihn selbst betreffen. Wenn ein Muslim die Rechte seiner Mitmenschen nimmt, dann ist diese Tat sowohl eine Sünde und unwürdig, als auch „‘audwan“, d.h. Unterdrückung und Feindschaft. Der zu untersuchende Vers nennt beide Begriffe und damit eine der wichtigsten Säulen, um eine Gesellschaft zu verbessern, einander entgegen Sünden und Unterdrückung zu helfen.

„Helft euch nicht bei Sünden und Feindschaft“ soll heißen, dass Muslime nicht den Weg für hässliche und unwürdige Taten ebnen dürfen, egal ob diese Taten nur sie selbst oder auch andere betreffen. In einigen Überlieferungen wurde der Prophet des Islam über die Bedeutung von „ithm“ befragt. Der Prophet (s.a.s.) antwortete, dass das Verständnis um die Bedeutung von „ithm“ und Sünde beim eigenen Gewissen erfragt werden muss. Der Prophet sagte: „Eine Sünde oder eine unwürdige Tat ist etwas, das deine Seele verstört, auch wenn du die Menschen täuscht oder die Menschen dich täuschen.“ [6] Die Sünde ist eine unwürdige Tat, die bei der Begehung die Seele quält und Scham erzeugt. Dieses Empfinden setzt dann ein, wenn der Mensch noch ein gesundes Gewissen oder eine gesunde Natur [Fitrah] besitzt und sich von ihr noch nicht entfernt hat.

Eine falsche Methode

Da der Mensch ein soziales Wesen ist und ohne die Hilfe und die Gesellschaft anderer leben kann, ist das Prinzip der Hilfsbereitschaft als Notwendigkeit zur gegenseitigen Hilfe und Unterstützung zwischen den Menschen ein vernünftiges Prinzip, das nicht bestritten werden kann. Was dieser Vers betont, ist jedoch, dass dieses Prinzip nicht uneingeschränkt ist, also dass nicht uneingeschränkte Hilfsbereitschaft, uneingeschränkte Unterstützung und uneingeschränkte Kooperation vom Islam empfohlen wird. [7]

Das Prinzip der islamischen Hilfsbereitschaft widerspricht dem Gesetz aus dem so genannten Zeitalter der Finsternis (das Zeitalter vor der Berufung des Propheten), welches besagte: „Hilf deinem Bruder, egal ob er schuldig ist oder unschuldig. Verteidige dein Kind, auch wenn es ein Vergehen begangen hat!“ Zur damaligen Zeit waren Hilfe und Unterstützung abhängig von der Zugehörigkeit des eigenen Stammes. Hatte sich damals ein Stamm mit einem anderen Stamm verbündet, so haben sie sich in allen Belangen unterstützt, ohne zu untersuchen, ob sich der Verbündete gerecht oder ungerecht verhielt. Der Heilige Koran offenbarte den Menschen, dass Hilfe auf Basis der Zugehörigkeit zu einer Rasse, einem Stamm, einer Hautfarbe, einer Sprache usw. verboten ist. Auch heute kommt es oft bei internationalen Bündnissen vor, dass verbündete Staaten nicht darauf achten, ob der Bündnispartner im Recht ist und das Prinzip der Gerechtigkeit achtet oder als Unterdrücker und Aggressor herrscht.

Der Heilige Koran verurteilt eine solche Vorgehensweise, erklärt das Gesetz aus dem Zeitalter der Finsternis für ungültig und befiehlt, Hilfe und Unterstützung nur auf dem Weg der Wahrheit und für konstruktive und nützliche Programme zu leisten und nicht auf dem Weg der Sünde, Unterdrückung und Einschränkung der Rechte anderer. [8]

Das Prinzip der Hilfsbereitschaft aus der Sicht der Überlieferungen

Es gibt zahlreiche Überlieferungen zu diesem Thema, die nachstehend angeführt werden:

  • Der Prophet Muhammad (s.a.) sagte: „Wer seinen Tag beginnt und sich nicht um die Anliegen der Muslime kümmert, gehört nicht zu ihnen, und wer hört, dass ein Muslim um Hilfe schreit und ihm nicht antwortet, ist kein Muslim.“ [9]
  • Von Imam Ali (a.s.) wird überliefert: „Der beste der Geschwister ist der, der bei guten Taten für das Jenseits hilft.“ [10]
  • Außerdem: „Das beste Vermögen ist das Vermögen, das bei der Verbreitung von Gutem behilflich ist.“ [11]
  • Von Imam Baqir (a.s.) wird überliefert: „Wer bei der Hilfe und Unterstützung seines muslimischen Bruders geizig ist und es versäumt, diesem bei der Beseitigung seiner Probleme zu helfen, wird jemandem helfen müssen, wobei diese Hilfe mit Sünde verbunden ist und diese Hilfe ihm nicht zu Lohn verhilft.“
  • Von Imam Sadiq (a.s.) werden folgende Aussprüche überliefert: „Solange ein Gläubiger seinem Glaubensbruder hilft, hilft auch Gott diesem Gläubigen.“ [12]
  • „Es gibt keinen Gläubigen, der seinem gläubigen Bruder hilft, es sei denn, dass Gott ihm in dieser und jener Welt hilft und es gibt niemanden, der, obwohl er die Möglichkeit hätte, es unterlässt, zu helfen, es sei denn, dass Gott ihn in dieser und jener Welt erniedrigt.“ [13]

Die Bewegung von Imam Hussayn (a.s.) als Beispiel zur göttlichen Aufforderung „Helft euch in guten Taten und Rechtschaffenheit und helft euch nicht bei Sünden und Feindschaft.“

Wie bereits untersucht, besagt dieser Vers, dass zwei Säulen zur Verbesserung einer Gesellschaft notwendig sind: Einerseits die Hilfsbereitschaft, Unterstützung und Kooperation in guten Taten, andererseits die Rechtschaffenheit, die Verweigerung von Hilfe und Unterstützung bei Sünden und Feindschaft. Die Basis der Bewegung Imam Hussayns bestand eben aus der Befolgung beider Säulen. Der Grund für den Aufstand Imam Hussayns lag nicht in Geldgier, dem Streben nach Reichtum, der Berühmtheit oder Macht, sondern sie bestand im Streben nach der Wahrheit, in der Beseitigung von Unterdrückung sowie in der Verhinderung der Abweichung des Islam aus seiner richtigen Bahn. Imam Hussayn sah nicht dabei zu, wie sich Unterdrückung, Dekadenz, Habgier und Sucht nach Luxus im System, das die damalige islamische Welt regierte, ausbreitete. Ein System, das dabei war, die islamischen Prinzipien, die zur damaligen Zeit noch jung und angreifbar waren, auszulöschen und stattdessen eine völlig unterschiedliche und wahrscheinlich sogar eine entgegengesetzte Ideologie zu implantieren.

Imam Hussayn wurde Zeuge, wie nach ca. 60 Jahren voller Anstrengungen und Mühen für die Vorstellung, Etablierung und Verbreitung der islamischen Religion mit großer Geschwindigkeit Rückschritte gemacht wurden und sich Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Betrug und Korruption wie ein Laubfeuer ausbreiteten. Die allgemeine Situation des Islam und der Muslime zu jener Zeit war sehr besorgniserregend. Aktivitäten und giftige Propaganda der Feinde gegen die Persönlichkeiten des Islam und Verfälschungen und falsche Erneuerungen, die auf listige Art und Weise mit der reinen Religion vermischt wurden, ebneten den Boden, um den Islam Schritt für Schritt zu zerstören und den Namen Muhammad (s.a.) auszulöschen. Das göttliche Kalifat war in eine diktatorische Regierungsform verfallen. Der Geist des islamischen Weges, d.h. Gottesfurcht und Gerechtigkeit, war in der Gesellschaft kaum mehr wiederzufinden. Von den Geboten der Religion für die Gesellschaft war nicht mehr viel vorhanden, bis auf das Freitags- und Gemeinschaftsgebet, wobei auch diese mehr Zeremonie als echtes Gebet darstellten. Die meisten Muslime der damaligen Zeit hatten den Propheten und seine Familie nicht mehr erlebt und somit auch nicht seinen Stellenwert und seine Besonderheiten kennengelernt.

Ca. 60 Jahre nach der Herabsendung der Offenbarungen herrschte in jener Gesellschaft ein verdorbener, verschwenderischer und materialistischer Machthaber, der sich selbst als Führer der Gläubigen [Amir-ul-Muminin] bezeichnete. Yazid leugnete sogar in Gedichten das Prophetentum von Muhammad [14]. Unter solch einer Herrschaft war Imam Hussayn mit einer geringen Zahl an Gefährten, zusammen mit Frauen und Kindern aufgestanden und hatte gerufen: „Seht ihr denn nicht, dass gute Taten und Gottesfurcht nicht mehr praktiziert werden und Sünden und Feindschaft nicht mehr abgelehnt und verurteilt werden?“

Betrachtet man alle Aussagen und Ansprachen und auch das Testament von Imam Hussayn, so kann man als Ziel seines Aufstandes die Verweigerung von Hilfe und Unterstützung bei Sünde und Feindschaft bezeichnen. Als einige Menschen von den vermeintlich guten Eigenschaften Yazids erzählten, entgegnete Imam Hussayn, dass diese Komplimente eine Lüge seien und er diese niemals bejahen werde, da seine Bejahung einer Unterstützung bei Sünde und Feindschaft gleichkäme. Imam Hussayn antwortete Marwan ibn Hakam, der den Treueeid von Imam Hussayn für Yazid verlangte, dass jemand wie Hussayn niemals einer Person wie Yazid den Treueeid leisten werde. [15]

Imam Hussayn hatte in einer Ansprache vor dem Heer von Hur Ibn Yazid gesagt: „Oh ihr Menschen, wisst, dass der Prophet gesagt hat, wenn jemand einen Herrscher sieht, der das von Gott Verbotene erlaubt und sich der Sunna des Propheten widersetzt und unter den Menschen Sünde und Feindschaft verbreitet und sich gegen diesen Herrscher nicht wehrt, sei es mit Worten oder Taten, und somit Schlechtes verwehrt, hat nichts anderes verdient, als dass Gott ihn in die Hölle schickt. Oh ihr Menschen, wisst, dass diejenigen, die zurzeit an der Macht sind, nur Verdorbenheit im Kopf haben, sich nicht um die göttlichen Gebote kümmern und das von Gott Verbotene erlaubt haben.“ [16]

Imam Hussayn hatte eindeutig aufgefordert, sich diesem Herrscher zu widersetzen. Die Bewegung von Imam Hussayn für die Verkündigung des Endes der Kooperation mit einem Unterdrücker und für die Wiederbelebung der wahren Sunna des Propheten ist die größte gute Tat, zu der Imam Hussayn alle einlädt, um ihm zu helfen. Imam Hussayn lädt seit seinem Verlassen der Stadt Mekka, um nach Kufa zu reisen, bis zum Tag von Aschura und sogar bis zum Moment seines Märtyrertodes, alle Menschen ein, ihm beizustehen. Diese Einladung zur Hilfe wurde teils mündlich in Form von Ansprachen, teils schriftlich in Form von Briefen und teils persönlich ausgesprochen.

Die Bitte um Hilfe Imam Hussayns an Wahab Nasrani

Als Imam Hussayn das Gebiet von Salbie erreicht hatte, sah er dort aufgeschlagene Zelte. Er fragte eine alte Frau, wer denn in diesen Zelten wohne und bekam zur Antwort, dass dort Christen leben würden, nämlich Wahab und seine Familie. Imam Hussayn beschloss, für kurze Zeit in diesem Gebiet zu verweilen. In einigen historischen Quellen wird überliefert, dass, als der Imam dort ankam, seinen Speer in den Sand gestoßen hatte, und als er aufbrechen wollte, diesen aus dem Sand zog und genau an dieser Stelle mit der Erlaubnis Gottes eine Wasserquelle inmitten der Wüste entstanden war. Die alte Frau war zutiefst ergriffen und berichtete ihrem Sohn von diesem Ereignis, als dieser zurückgekehrt war, und sagte ihm auch, dass Hussayn ihn sprechen wolle. Es ist überliefert, dass sowohl Wahab, als auch seine Mutter und seine Frau sich Imam Hussayn  anschlossen, um ihm zu helfen. Sie reisten mit ihm nach Karbala und wurden Muslime.

Am Tag von Aschura beobachteten Wahab und seine Frau, die frisch verheiratet waren, das Geschehen. Als Wahab das Schlachtfeld betreten wollte, hielt ihn seine Frau zurück, mit der Begründung, dass sie erst mit Hussayn sprechen wolle. Sie sagte zu Imam Hussayn, dass sie nur unter zwei Bedingungen ihren Mann aufs Schlachtfeld ziehen lässt. Die erste Bedingung war, dass ihr garantiert werden müsste, dass sie sich nach dem Märtyrertod ihres Mannes der Familie Hussayns anschließen darf, die zweite Bedingung, dass ihr Mann sie am Jüngsten Tag mit ins Paradies nehmen wird. Der Imam weinte und garantierte dieser jungen Frau, ihre zwei Bitten zu erfüllen. Als Wahab auf dem Schlachtfeld verletzt wurde, lief seine Frau zu ihm und er fragte sie, warum sie denn überhaupt hergekommen sei, woraufhin sie antwortete, ob er denn nicht den Hilfeschrei von Hussayn gehört habe. Durch dieses Geschehen wird offenkundig, dass das Prinzip der Einladung zur Hilfsbereitschaft nicht auf Muslime beschränkt ist und die Bereitschaft zur Hilfe abhängig ist von dem inneren Zustand und der Reinheit eines Menschen.

Anmerkungen: Erläuterung auf Basis der folgenden Koranexegesen: „Al-Mizan“, „Majma Ol-Bayan“, „Nemuneh“, „Noor“ und das „Taawun“ von Ayatollah Agha Mojtaba Tehrani. [1] Qamuse Quran, Bd. 5, S. 70. [2] Atjabul Bajan fi tafsir al-Quran, Bd. 2, S. 309. [3] Al-Mizan, Bd. 1, S. 650. [4] Ebd. [5] Tehrani, Ayatollah Mujtaba: Kitabe taawon, S.43. [6] Bihar-ul-Anwar, Bd. 17, S.228. [7] Tafsir Nemune, Bd. 4, S.253. [8] Tafsir Nemune, Bd. 4, S. 253. [9] Usule Kafi: Babe Rawa kardan hajate mumin. [10] Majmue Waram, Bd. 2, S. 123. [11] Ghurar-al-Hikam, S. 367. [12] Bihar-ul-Anwar, Bd. 71, S. 322. [13] Wassail-al-Schia, Bd. 12, S. 292. [14] Ibn Shahr Aschub: Munaqib al abi talib, Bd. 3, S. 261. [15] Nasich Tawarich, Bd. 1, S. 386. [16] Bihar-ul-Anwar, Bd. 44, S. 381.